Die Störung als Freund und Helfer?

Die Störung als Freund und Helfer?

Kein Mensch würde sagen: „Oh, eine somatoforme Schmerzstörung – ja, das wollte ich schon immer mal haben!“ Niemand würde sich bewusst, bei klarem Verstand, freiwillig für eine Krankheit oder psychische Störung entscheiden. Da sind wir uns denke ich alle einig. Der bewusste Verstand beeinflusst allerdings nur zu etwa 5-10% unsere Entscheidungen. Der Rest geschieht – Sie ahnen es – unbewusst.

Das das Unterbewusstsein bei der Entstehung von Krankheiten und psychischen Störungen eine wichtige Rolle spielt ist nichts neues. Aber es hat auch einen entscheidenden Anteil an der Aufrechterhaltung. Das ist sehr vielen Betroffenen nicht bewusst – und den Angehörigen auch nicht, die dieses System manchmal sogar unterstützen.

Wie kann das sein?

In der Psychotherapie spricht man von dem sogenannten „Krankheitsgewinn“. Klingt zunächst komisch. Also ob eine Krankheit irgendetwas positives mit sich bringen würde?!

Tut sie. Denken Sie zum Beispiel an eine ausgeprägte Prüfungsangst. Am Tag vor einer wichtigen Prüfung bekommt der Betroffene Magen- und Kopfschmerzen, leidet unter Übelkeit und muss sich die halbe Nacht erbrechen. Ist die Angststörung nicht bekannt, kommt es zu einem positiven Effekt: Der Betroffene wird krankgeschrieben und „verpasst“ die Prüfung. Zumindest konnte die Situation also bis zum nächsten Mal verhindert bzw. vermieden werden. Auch wenn diese situationsabhängige Angst bekannt ist, dauert es häufig noch, bevor sich derjenige Hilfe sucht.

Es gibt auch Menschen mit somatoformen Schmerzstörungen. Sie leiden zum Beispiel unter starken Rückenschmerzen – scheinbar ohne Grund. Häufig tendieren die Angehörigen in solchen Fällen dazu, Arbeiten abzunehmen, den Betroffenen zu schonen, alle möglichen Schwierigkeiten von ihm fernzuhalten. Und schon, haben wir wieder einen Gewinn: Nämlich Ruhe und Entlastung.

Das Thema ist recht vorsichtig zu betrachten und man sollte nun natürlich nicht an jeder Stelle Simulation vermuten oder anderen unterstellen sie wollten sich nur vor Unannehmlichkeiten drücken. Man darf dem Betroffenen keine böse Absicht unterstellen, den häufig läuft dieser Mechanismus unbewusst ab.

Man muss sich das in etwa so vorstellen: Frau X wuchs als gut behütetes Kind auf, dem viel abgenommen wurde. Die Eltern bemühten sich sehr, Schwierigkeiten und Probleme von dem Kind fernzuhalten. Frau X lernte so aber kaum, sich Herausforderungen zu stellen und machte nicht die Erfahrung, daran zu wachsen. Als erwachsene Frau sieht Sie sich nun im Berufsalltag immer wieder mit Situationen konfrontiert, denen sie sich nicht gewachsen fühlt.

Aber anstelle dieses Muster zu erkennen und nach Lösungen zu suchen, entwickelt sie eine somatoforme Störungen. Sie leidet unter körperlichen Symptomen, für die es keine medizinische Ursache gibt. Jedes Mal, wenn eine „gefürchtete Situation“ naht, werden die Symptome so stark, dass sie entweder krank zu Hause bleiben muss, oder von Kollegen vertreten wird. Frau X leidet unter den Symptomen, sieht aber nicht, dass die Störung ihr sozusagen „hilft“ die unangenehmen Situationen weiterhin zu vermeiden. Das Verstehen eines Krankheitsgewinns kann oft der erste Schritt zur Lösung sein. Er bieten eine gute Grundlage, auf der eine erfolgreiche Therapie aufgebaut werden kann.

Ich sage gern „Hinter jedem Verhalten steckt eine positive Absicht“ – und so steckt auch hinter jedem „Krankheits-„Verhalten ein positiver Effekt für den Betroffenen. Diesen zu erkennen ist ein wichtiger Teil meiner Therapie. Dem Betroffenen wird so ermöglicht, sich nicht mehr als Opfer der Krankheit / Störung zu fühlen sondern zu erkennen, dass er selbst die Entscheidung trifft, wann er sich von ihr lösen will.

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