Buchtipp: Paulo Coelho - Elf Minuten

Buchtipp: Paulo Coelho - Elf Minuten

Elf Minuten ist die Geschichte einer jungen Brasilianerin, die auf einem Weg leerer Versprechungen, enttäuschter Erwartungen, unerfüllter Sehnsüchte, in der Welt der Prostitution zerstörerische Lust, tiefe Gefühle, Hingabe und Ausbeutung, Wahrheit und Interpretation kennenlernt und sich zu einer selbstbewussten, unabhängigen Frau entwickelt. Eine Frau, die ihre Bedürfnisse kennt und versteht, ihre Sexualität lebt und die Liebe in sich selbst findet.

Wie so oft, wenn es allein schon um das Thema „Sex(ualität)“ geht, gehen auch bei der Bewertung dieses Buches die Meinungen weit auseinander. Was im Grunde eines der zentralen Themen dieses Buches ist: Erwartung. Bekomme ich, was ich erwarte, bin ich zufrieden. Bekomme ich es nicht – ist das Buch dran schuld. Ist es in Beziehungen nicht genauso? Läuft es gut (so wie ich mir das vorstelle), bin ich zufrieden. Läuft es nicht so, ist der Partner dran schuld. Pauschal? Mag sein. Realität? In der Paartherapie-Praxis durchaus.

Ich sehe es wie Frauke Kaberka vom General-Anzeiger, Bonn: „Paulo Coelhos Thematik ist drastisch: Es geht um Sex, Ängste, die dunklen Seiten der Intimität, um Leben am Rande des Abgrunds, aber auch im Licht. Meisterhaft führt Coelho durch Gefühlswelten.“ Das macht im Grunde auch jeder Paar- und Sexualtherapeut. Aber Menschen lieben Geschichten. Und hier haben wir eine hervorragend erzählte Geschichte, deren Weisheit sich durchaus auch aus Provokation und „Unerhörtheiten“ ergibt.

Aber ist es nicht auch ein bisschen Dramatik und Abwechslung, eine Konfrontation mit dem eigenen Schatten und eine Überschreitung der eigenen Grenzen die Sexualität und auch Liebe lebendig erhalten?

Die Protagonistin schreibt in ihr Tagebuch „Ich habe die Wahl, entweder ein Opfer der Welt zu sein oder eine Abenteurerin auf der Suche nach ihrem Schatz. Es ist alles nur eine Frage, wie ich mein Leben angehe.“ Sie geht ihr Leben an, indem sie lernt, ehrlich mit sich selbst zu sein, indem sie ihre Grenzen kennenlernt und überwindet, indem sie sich dem Leben hingibt.

Wie immer regt Celho zum Nachdenken an, zum Reflektieren der eigenen Haltung und zum Hinterfragen der eigenen Überzeugungen und Sichtweisen. In keinem Kontext ist Sexualität so präsent wie in der Prostitution. Prostitution polarisiert – konfrontiert uns mit unseren Ängsten, Abneigungen, Fantasien – kurzum, mit unseren eigenen sexuellen Schattenthemen. Zumindest einem gehörigen Teil davon. Das Buch bietet jedoch nicht nur Konfrontation, sondern auch Lösungswege.

Liebe und Sexualität erfordern Mut – und das ist meiner Meinung nach eine zentrale Erkenntnis dieses Buches. Mut zur Reflektion, Mut zur Selbsterkenntnis, Mut loszulassen,… Mut bedingungslos zu lieben.

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Buchtipp: Irvin D. Yalom - Wie man wird, was man ist

Buchtipp: Irvin D. Yalom - Wie man wird, was man ist

Diese Biografie eines der bekanntesten Psychotherapeuten ist mit Sicherheit nicht nur für jeden vom Fach bereichernd, sondern ebenso für alle, die sich für die Komplexität der menschlichen Psyche interessieren, die die Entwicklung der Psychotherapie nachvollziehen wollen und die auch gern über ihren eigenen Weg reflektieren und sinnieren. Ein wirklich lesenswertes Buch.

… und mit Sicherheit eins der besten, dass ich dieses Jahr gelesen haben.
Irvin Yalom schreibt einfach, anschaulich und unterhaltsam über Themen, die nur allzu gern „verwissenschaftlicht“ werden wollen. Viele seiner Bücher wurden in zahlreichen Sprachen übersetzt und sprechen lange nicht nur Psychiater, Psychologen oder Therapeuten an.

Ursprünglich als „Lehrbücher“ gedacht greifen seine Bücher Themen auf, die nicht nur Patienten einer Psychotherapie beschäftigen. Jeder denkt im Laufe des Lebens über Themen wie Glück, Freude, Lebenssinn usw. nach. Viele persönliche Beispiele und eine Menge Praxiserfahrung machen Yaloms Schreibstil so authentisch und verständlich.

Besonders beeindruckend an diesen Memoiren ist für mich Yaloms Fähigkeit zur Selbstreflexion und seine Offenheit, mit der er eigenen Unzulänglichkeiten begegnet. Yalom demonstriert auf charismatische Art und Weise, dass auch Therapeuten nicht perfekt sind und das man als Therapeut ebenso einen Weg geht, wie der Patient. Er beschreibt Patient und Therapeut als „gemeinsam Reisende, und nicht selten sieht der Patient Ausblicke auf der Reise und profitiert von Ihnen, die der Therapeut gar nicht wahrgenommen hat.“ Ein schönes Bild dafür, dass eine erfolgreiche Therapie auch immer auf Augenhöhe basiert. Nicht nur der Patient macht einen Entwicklungsschritt, auch der Therapeut.<br>
„Wie man wird, was man ist“ eröffnet nicht nur einen Einblick in das Leben Yaloms, seine Kindheit, seine berufliche Laufbahn, seine persönliche Entwicklung. Dieses Buch enthält psychotherapeutische Geschichte und Lebensweisheiten. Im Einband liest man: „Entstanden ist das Porträt eines Mannes, der sein Leben in Gänze ausgekostet und gleichzeitig mit extremen Sinn gefüllt hat – von ausgelassenen Flitterwochen auf dem Motorrad durch Frankreich bis zur therapeutischen Arbeit mit Krebspatienten und dem Reflektieren über den eigenen Tod.“

Irvin Yalom hat seinen Beruf mit so viel Leben, Leidenschaft und Demut gefüllt. Das von sich selber sagen zu können, an Ende egal ob als Psychotherapeut oder Bäcker, wäre doch ein schönes Ziel, oder?

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Frust, Wut, Aggressivität - wenn die Impulskontrolle versagt

Frust, Wut, Aggressivität - wenn die Impulskontrolle versagt

Ich bin ziemlich sicher, dass jeder das Gefühl von Frustration kennt. Das überkommt uns nämlich meist dann, wenn etwas nicht so läuft, wie wir uns das vielleicht vorgestellt haben. Frust ist nicht unbedingt angenehm, aber wir wissen in der Regel auch, dass er vorbeigeht. Ähnlich verhält es sich mit Wut. Wer war noch nicht wütend? Ich würde sagen, Wut folgt auf Frust. Sie entsteht automatisch, wenn wir lange genug das Gefühl der Frustration mit uns herumtragen. Sind wir nun nicht in der Lage, mit der Wut umzugehen, ist es mit der Aggressivität nicht mehr weit her. Diese wird laut Wikipedia in der Verhaltensforschung als innere Bereitschaft verstanden, aggressives Verhalten gegen andere auszuführen. Was also mit Frust beginnt, kann am Ende zu Wutausbrüchen und Aggressionen führen, mit denen man nicht nur sich selbst, sondern auch anderen schadet.

Wenn nun aber jeder das Gefühl von Frust kennt, wie kommt es, dass nicht jeder in destruktives und aggressives Verhalten verfällt? Glauben wir Mencken, steckt der Impuls zumindest in jedem von uns. Wie unterscheidet sich also der Großteil der Menschen, die ihre „Wut“ im Griff haben von denen, die „wild um sich schlagen“? Bis zu welchem Ausmaß können wir von „normaler Wut“ sprechen, und wo beginnt die „Störung“?

In der ICD-10, der internationalen Klassifikation sämtlicher Krankheiten und Störungen, finden wir im Kapitel V unter F 6 die Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen. Unter F 63 werden schließlich abnorme Gewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle klassifiziert. Diese Verhaltensstörungen „sind durch wiederholte Handlungen ohne vernünftige Motivation gekennzeichnet, die nicht kontrolliert werden können und die meist die Interessen des betroffenen Patienten oder anderer Menschen schädigen. Der betroffene Patient berichtet von impulshaftem Verhalten.“ Dort, wo der Großteil der Menschen in der Lage ist einen aggressiven Gedanken, zum Beispiel etwas kaputt zu schlagen von der tatsächlichen Handlung trennen kann, weil er weiß, dass es vernünftig ist, die Wohnung nicht in Schutt und Asche zu legen, kann jemand, der an einer Impulskontrollstörung leidet, genau dieses Verhalten im Ernstfall nicht „vernünftig“ steuern.  Neben pathologischer Brandstiftung, Haarerupfen und Kleptomanie werden unter F 63 auch diese aggressiven Ausbrüche eingeordnet, sollten sie nicht Teil einer anderen Störung, z.B. der dissozialen Persönlichkeitsstörung zugeordnet werden können. Eine Störung der Impulskontrolle bedeutet also nicht immer aggressives Verhalten, und aggressives Verhalten bedeutet nicht immer eine Impulskontrollstörung.

Menschen, deren aggressives Verhalten auf eine Impulskontrollstörung zurückzuführen ist, wissen durchaus um ihr „inadäquates“ Verhalten und fühlen sich im Nachhinein oft schuldig – was z.B. bei der Persönlichkeitsstörung nicht der Fall ist. Der „Vorteil“, der darin besteht ist, dass es verschiedene Möglichkeiten gibt, Aggressivität im Rahmen einer Impulskontrollstörung zu „behandeln“.  Da wäre zum Beispiel die Verhaltenstherapie. Hierbei lernt der Betroffene unter anderem erste Anzeichen von Frust, Wut oder Aggressivität frühzeitig zu erkennen. Im nächsten Schritt geht es dann darum, alternative Verhaltensmuster zu erlernen, um mit diesen Gefühlen anders umzugehen und ihnen einen anderen Ausdruck zu ermöglichen. Wie so oft haben auch hier unterschiedliche Therapeuten unterschiedliche Herangehensweisen und jeder muss für sich die passende finden.

Ich halte es für sinnvoll, neben der Verhaltensoptimierung die Ursache zu erkennen und dort eine Lösung zu ermöglichen, denn das Verhalten ist nur das Endergebnis. Es ist sicher hilfreich, Wut zu kontrollieren zu können und sie nicht jedes Mal in einem emotionalen Ausbruch von Aggressivität zu entladen. Wird die Ursache jedoch nicht beachtet, bleibt die Wut – und damit das Bedürfnis, sie auszuagieren. Die Ursachen sind so individuell, wie die Menschen selbst. Es könnten bestimmte Kindheitserfahrungen sein, Enttäuschungen, zwischenmenschliche Konflikte… Wut am Ende ist jedoch nichts anderes, als ein Gefühl mit einer bestimmten Energie. Wir haben nur gelernt, dass dieses Gefühl etwas negatives ist. Jeder kennt vermutlich Aussagen wie „Reiß dich zusammen“, „Steiger dich da nicht so rein“, „Beruhige dich“… Alles Aussagen die uns suggerieren, dass es unangemessen ist, frustriert oder wütend zu sein. Wir lernen also weniger, damit umzugehen als vielmehr, es zu unterdrücken, herunterzuschlucken, zu ignorieren. Dass das Fass irgendwann voll ist, ist eine logische Konsequenz. Und an dieser Stelle spielt das, was wir in diesem Zusammenhang gelernt haben wieder ein wichtige Rolle, wenn es darum geht, was passiert, wenn das Fass voll ist.

Der erste Schritt zum Umgang mit Frust, Wut oder Aggressivität ist meiner Meinung nach also erst einmal die Akzeptanz dessen, dass es sich hierbei um „normale“ Gefühle handelt, die jeder Mensch hat. Und die wichtig sind. Denn richtig kanalisiert sind es Energien, die uns voranbringen, die persönlichen Fortschritt ermöglichen, die uns antreiben, uns zu verbessern und über uns hinauszuwachsen. Übrigens genauso, wie die Angst, die ja ebenfalls zu den eher unbeliebten Gefühlen zählt. Aber das steht in einem anderen Artikel.

Gefühle, positive wie vermeintlich negative haben eine wichtige Funktion für uns. Sie kommen, sind da – und gehen auch wieder. Wenn man sie lässt. Und das zu lernen ist einer der wichtigsten Schritte in der Arbeit mit Impulskontrollstörungen. Und wenn man das verstanden hat, dann kann man alternative Verhaltensweisen ausprobieren und wird feststellen, dass es genau die ungeliebten Gefühle waren, die einem dazu verholfen haben, sich persönlich weiterzuentwickeln.

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Der erste Schritt zur Lösung?

Der erste Schritt zur Lösung?

Wenn wir uns mit einem Problem konfrontiert sehen, in einem Konflikt stecken oder unseren Herausforderungen nicht mehr Herr zu werden scheinen, machen wir uns häufig zunächst Gedanken, wie wir das Problem denn lösen könnten. In unserem Kopf betrachten wir es von allen Seiten, wägen ab, wiegen auf, bilanzieren, argumentieren, rechtfertigen. Eben all die Strategien, die unser Verstand so zu bieten hat. Im besten Fall folgen daraus bestimmte Handlungen, die uns der Lösung näher bringen. Konkrete Verhaltensweisen wie klärende Gespräche, persönliche Fürsorge, Auszeiten, Umorientierung.

In den häufigsten Fällen jedoch finden wir uns in einem Kreislauf wieder. „Aber ich hab doch schon alles Mögliche gemacht…“, heißt es dann. „Ich hab doch schon so viel versucht…“. Was passiert hier?

Im Angesicht eines Problems wollen wir eine Lösung dessen. Soweit so gut. Nur was wir nicht beachten ist unser übliches Denkmuster, welches sich um das Problem dreht. Unser Fokus liegt darauf, was wir nicht mehr wollen. Unser Gehirn kann allerdings nicht in Verneinungen denken. Wenn ich mir also überlege, wie ich ein Problem „nicht mehr“ habe, muss mein Gehirn zwangsläufig erst einmal an das Problem denken, um sich dann vorzustellen, wie es wäre, dieses nicht mehr zu haben. Und dort drehen wir uns im Kreis. Dieses Vermeidungsdenken führt in der Konsequenz dazu, dass wir immer mehr vom selben machen, denn unser Verhalten kann ja nur aus den vorhandenen Gedanken entstehen. Das wir so keine anderen Ergebnisse erzielen, liegt ja eigentlich auf der Hand.

Um diesen Kreislauf zu unterbrechen macht es Sinn, nicht mehr zu versuchen, irgendetwas „dagegen“ zu tun, bevor nicht klar ist, „wofür“ man eigentlich etwas tun will. Die meisten Menschen die unter psychischen Herausforderungen leiden, sind so sehr mit ihrem Problem involviert und identifiziert, dass Sie sich gar keine konkrete Vorstellungen mehr davon machen können wie es denn ohne wäre. Genau diesen Aspekt erarbeite ich häufig in der ersten Sitzung mit meinen Patienten. Ein konkretes Bild von sich selbst und einem Leben ohne dieses Problem. Auf diesem Weg treten dann auch unbewusste Muster und Überzeugungen zu Tage, die eben genau an der Entstehung des Problems beteiligt waren und an dessen Aufrechterhaltung mitwirken. Sind diese Zusammenhänge klar, wird eine neue Perspektive möglich, die wiederum Offenheit für einen anderen Weg, ein anderes Handeln, ein anderes Denken mit sich bringt.

Viele Patienten sind dankbar für diese erste Erkenntnis und berichten schon zur ersten Folgesitzung, dass sie durch diesen Hinweis bereits gelassener auf das Thema blicken konnten, der Druck, etwas verändern zu müssen, nachgelassen hat und sich mehr Ruhe und Entspannung eingestellt hat. Es ist die Erkenntnis, dass die Situation zum aktuellen Zeitpunkt so ist, wie sie eben ist. Viele Patienten machen die Erfahrung, dass sie mit ihren Gedanken, Befürchtungen und vergeblichen Lösungsversuchen nicht weiterkommen. Das Loslassen zu dürfen bedeutet für viele eine erste Erleichterung und mobilisiert neue Kräfte, um in eine andere Richtung zu denken und zu handeln und so die problematische Situation langfristig hinter sich lassen zu können – als Erfahrung, nicht als Krise.

Hinweis: Bei schwerwiegenden psychischen Problemen, Psychosen oder Suizidgedanken wenden Sie sich bitte an den psychosozialen Krisendienst oder die psychiatrischen Akut-Stationen der Krankenhäuser.

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Panikattacken - wenn die Angst aus dem Nichts kommt | Was tun?

Panikattacken - wenn die Angst aus dem Nichts kommt | Was tun?

Sie fahren auf der Autobahn. Plötzlich ein mulmiges Gefühl im Magen. Übelkeit. Schwindel überkommt Sie und Ihre Sicht wird unklar. Sie müssen an der Raststätte halten. Sie sitzen und Ihre Hände umklammern das Lenkrad, dass die Knöchel weiß werden. Herzrasen. „Oh mein Gott – ich habe einen Herzinfarkt“, geht es Ihnen durch den Kopf. Angst. Sie bekommen kaum mehr Luft. Sie versuchen sich zu konzentrieren. Überwältigt von diesem Kontrollverlust steigen Ihnen Tränen in die Augen. „Was passiert mit mir?“ – Sie haben eine Panikattacke. In zehn Minuten ist alles vorbei.

Wer noch nie von einer Panikattacke sprichwörtlich überrollt wurde, kann kaum nachvollziehen, was der Betroffene in dieser verhältnismäßig kurzen Zeit durchmacht.

Die ICD-10 definiert unter Punkt F 41.0 die sogenannte Panikstörung als episodisch paroxismale Angst, deren wesentliches Kennzeichen „wiederkehrende schwere Angstattacken (Panikattacken) sind, die sich nicht auf eine spezifische Situation oder besondere Umstände beschränken und deshalb auch nicht vorhersehbar sind“.

Neben zahlreichen vegetativen Symptomen wie Herzklopfen, Schwindel, Schweißausbrüchen usw. kann es zu einem ausgeprägten Gefühl des Kontrollverlustes bis hin zu panischer Todesangst kommen. Meist dauern die Anfälle nur einige Minuten, manchmal auch länger. Gerade die Unvorhersehbarkeit der „Anfälle“ führt nicht selten zur Ausbildung einer ausgeprägten Erwartungsangst, die zu Vermeidungsverhalten führen kann und am Ende einen Großteil des Lebens des Betroffenen bestimmt.

Was kann man im Fall einer Panikattacke tun?

1.Lenken Sie Ihre Aufmerksamkeit auf die Umgebung, weg vom Körper

Wenn völlig unerwartet Übelkeit, Schwindel oder Herzrasen auftaucht, neigen wir dazu, uns auf diese Empfindungen zu konzentrieren. Sämtliche Befürchtungen machen sich in unserem Kopf breit und steigern die Angst. Suchen Sie sich stattdessen einen Punkt in Ihrer Umgebung, den Sie fokussieren. Sie können sich auch auf die Wahrnehmungen Ihrer Sinne konzentrieren. Was hören Sie? Was riechen Sie? Was sehen Sie alles?

2. Atmen Sie ruhig und tief

Leichter gesagt als getan. Aber eine kurze, flache Atmung führt häufig zu einer Verstärkung der Symptomatik. Atmen Sie stattdessen ganz bewusst ruhig und tief ein bis in den Bauch, und dann ganz entspannt und in Ruhe aus. Diese Atmung können Sie in angstfreien Phasen üben, um Sie dann im richtigen Moment abzurufen.

3. Bewegen Sie sich

Bleiben Sie nicht an Ort und Stelle stehen oder sitzen. Bewegen Sie sich sozusagen aus der „Angststarre“ heraus. Gehen Sie ein paar Schritte, kreisen Sie die Schultern, entspannen Sie den Nacken. Nehmen Sie körperliche Betätigung in Ihren Alltag auf. Aufgestaute Energie kann so regelmäßig abgebaut und Anspannungen gelöst werden.

4. Lassen Sie sich untersuchen

Panikattacken können durchaus körperliche Ursachen wie z.B. Erkrankungen der Schilddrüse oder des Darmes haben. Schaffen Sie Sicherheit und konsultieren Sie einen Arzt. Beschäftigen Sie sich dennoch mit der psychischen Komponente, denn häufig stehen psychische und physische Aspekte in engem Zusammenhang und sollten ganzheitlich betrachtet werden, um eine langfristige und nachhaltige Lösung zu erreichen.

5. Suchen Sie sich Hilfe

Vertrauen Sie sich Familienmitgliedern oder Freunden an, die Ihnen zuhören und Ihre Beschwerden und Sorgen ernst nehmen. Darüber hinaus gibt es verschiedene therapeutische Methoden, um einen sicheren Umgang mit der Angst und Panikstörung zu lernen. Ursachen und Hintergründe zu verstehen hilft oft bereits, eine andere Perspektive auf die Beschwerden einzunehmen.

Der Psychologe und Psychotherapeut Dr. Hans Morschitzky ist Fachmann auf dem Gebiet der Angststörungen und hat auf seiner Internetseite „https://www.panikattacken.at“ die Panikstörung sehr umfangreich und informativ dargestellt. Hier finden Sie viele interessante Hintergrundinformationen sowie weitere konkrete Tipps und Ratschläge für den Umgang mit Panikattacken.

Sie leiden unter Panikattacken oder haben sich im Text wiedererkannt? Gern stehe ich Ihnen für ein persönliches Gespräch zur Verfügung und begleite Sie auf Ihrem Lösungsweg.

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Die große Angst vorm Zahnarzt

Die große Angst vorm Zahnarzt

Der Gedanke, dieses Thema hier aufzugreifen kam mir gestern, als ich selbst auf dem Zahnarztstuhl lag. Ich selbst gehöre mit Sicherheit auch zu den ca. 75% der Deutschen, die sich durchaus angenehmere Unternehmungen als einen Zahnarztbesuch vorstellen können. Man muss über einen längeren Zeitraum den Mund unangenehm weit offen halten, man hat sämtliche Gerätschaften im Mund, man bekommt mitunter eine Spritze.

Hinzu kommen der typische, irgendwie sterile Geruch einer Zahnarztpraxis, die Geräusche vom Bohrer und wie er am Zahn ansetzt, der komische Geschmack auf der Zunge… Am Ende hat man es jedoch gut überstanden, der Zahn ist wieder heil und man kann die Praxis verlassen – in der Hoffnung, sie nicht unbedingt so schnell wieder betreten zu müssen. Ein mulmiges, unangenehmes Gefühl ist zwar nicht schön, aber auch nicht unnormal.

Wie unterscheidet sich jetzt die panische Angst vorm Zahnarzt, die Dentalphobie, von der normalen Angst?

Menschen, die unter einer ausgeprägten Dentalphobie leiden, bekommen schon beim Gedanken an einen Zahnarzt Schweißausbrüche. Weitere körperliche Symptome können Herzrasen und Zittern sein, bis hin zu dem Gefühl, ohnmächtig zu werden. Zahnarztbesuche werden entweder völlig vermieden oder immer wieder aufgeschoben. Schmerzen werden solange ertragen bis sie unerträglich werden.

Wie entsteht eine derartige Zahnarztangst?

Die Ursachen sind wie so häufig so individuell wie die Menschen selbst. Sicherlich können negative Erfahrungen mit Zahnärzten, Zahnbehandlungen o.ä. eine große Rolle spielen. Gerade in der Kindheit sind negative Erlebnisse prägend und können sich bis ins Erwachsenenalter manifestieren.

Bei einer Zahnarztbehandlung gibt man darüber hinaus natürlich die Kontrolle ab. Man muss sich quasi in die Hände eines anderen begeben. Da man selber keine Fachkenntnis hat, muss man auf den Zahnarzt vertrauen, dass er die für die eigene Zahngesundheit richtigen Entscheidungen trifft und entsprechende Maßnahmen ergreift. Die Themen Kontrollverlust, Unsicherheit und Misstrauen können zentral hinter einer ausgeprägten Angst liegen.

Auch entsprechende Lernerfahrungen können eine Dentalphobie begünstigen. Wenn bereits die Eltern unter Ängsten vor Zahnärzten oder Zahnbehandlungen litten, liegt es recht nah, dass diese Angst übernommen wird. Ähnlich verhält es sich mit negativen Erfahrungen, von denen andere, z.B. Freunde, Bekannte, Familienmitglieder, berichten. Besteht eine grundsätzliche Angstneigung bereits, kann diese dadurch begünstigt werden.

Ursachen gibt es sehr viele und häufig sind sie von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Fakt ist aber, dass ein Vermeidungsverhalten auf Dauer zum einen gesundheitsschädlich ist, denn kaputte, mitunter entzündete Zähne wirken sich auf den gesamten Organismus aus. Zum anderen wird die Angst dadurch verstärkt und gefestigt. Die Ursachen zu erkennen und zu lösen wäre also ein wichtiger Schritt in Richtung (Zahnarzt)Angstfreiheit.

Welche Möglichkeiten gibt es, eine Zahnarztangst zu behandeln?

Die Dentalphobie zählt zu den spezifischen Phobien, die sich sehr gut behandeln lassen. Die kognitive Verhaltenstherapie zum Beispiel erzielt in der Behandlung von Phobien sehr gute Ergebnisse. Außerdem gibt es zahlreiche Entspannungsverfahren. Auch der Hypnose werden gute Erfolge zugeschrieben.

Grundsätzlich halte ich eine individuelle, auf den Patienten abgestimmte Herangehensweise am effektivsten. Es ist wichtig, die Ursachen aufzudecken und sich von entsprechenden (psychischen) Altlasten zu befreien. Genauso wichtig ist es, dem Patienten Strategien an die Hand zu geben, die er selbst im Alltag einfach anwenden kann. Eine Kombination aus beiden ist meiner Erfahrung nach sehr wirkungsvoll und kann ein positives Ergebnis auch nachhaltig sichern.

Sie wollen mehr zum Thema erfahren, leiden selbst an einer panischen Angst vorm Zahnarzt oder suchen nach Lösungen für Ihre Phobie? Dann sprechen Sie mich gern an!

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Diagnosen - ein Für und Wider

Diagnosen - ein Für und Wider

Der diagnostische Prozess ist der Beginn jeder Behandlung. Eine ausführliche Befunderhebung und Anamnese hilft, Beschwerden einzugrenzen, Zusammenhänge zu erschließen und wichtige Informationen für die anschließende Behandlung zu sammeln. Auch während der Behandlung wird die Diagnostik kontinuierlich fortgeführt. Auf diesen Prozess möchte ich hier und jetzt nicht weiter eingehen. Am Ende der Diagnostik steht jedoch für gewöhnlich eine Diagnose. Und diese möchte ich gern näher betrachten.

Meine Betrachtungsweise bezieht sich natürlich hauptsächlich auf den psychotherapeutischen Kontext. Fragt man Wikipedia, bekommt man folgende Definition: „Eine Diagnose entsteht durch die zusammenfassende Gesamtschau und Beurteilung der erhobenen Befunde. Dabei kann es sich beispielsweise um Beschwerden, Krankheitszeichen (Symptome) oder typischen Symptomkombinationen (Syndrom) handeln. Auch Normalbefunde oder nicht krankhafte Normabweichungen können zur Diagnosestellung beitragen. Diese Befunde werden durch die Anamnese, durch eine körperliche Untersuchung oder durch chemische oder apparative Untersuchungen erhoben. Die Diagnose ist entscheidend für die weitere Vorgehensweise bei der Behandlung.

„Soweit so gut.“

Eine Diagnose am Ende hat einige Vorteile. Für Betroffene ist es gut zu wissen, dass die Beschwerden, unter denen sie leiden, einen Namen haben. Gerade wenn die Psyche betroffen ist, ist es gut zu wissen, dass es für die Symptome eine Erklärung gibt. Das beruhigt und schafft vorerst Sicherheit. Eine Diagnose vermittelt den Eindruck, dass man nicht der Einzige ist, dass es Menschen gibt, die dasselbe „Schicksal“ teilen. Gleichzeitig bedeutet das natürlich auch, dass es Möglichkeiten geben muss, die Beschwerden und Symptome zu lösen, bzw. zu heilen. Das macht Mut und ermöglicht Zuversicht. Diagnosen helfen auch dem behandelnden Arzt oder Therapeuten, eine geeignete Therapie zusammenzustellen, in welcher Form auch immer. So kann man sicher gehen, dass man auch mit den Methoden behandelt wird, die sich bei dem jeweiligen Problem als wirksam erwiesen haben und daher besonders erfolgversprechend sind.

Wie man sieht, ist es wichtig und richtig, zu Beginn und während des Behandlungsprozesses Diagnosen zu stellen und zu verfolgen. Kommen wir nun zur Kehrseite. Diagnosen werden von Menschen vorgenommen. Da Menschen nicht allwissend, keine Maschinen und auch nicht perfekt sind, kann es zu Fehleinschätzungen und demzufolge zu Fehldiagnosen kommen. Das kommt vor und ist sicher kein Geheimnis. Kein Arzt, kein Therapeut und auch kein Heilpraktiker (mich selbstverständlich eingeschlossen)  kann alles und zu jeder Zeit wissen. Sie handeln zu jeder Zeit nach bestem Wissen und Gewissen.

Der menschliche Körper und vor allem die menschliche Psyche sind jedoch viel zu komplex, als dass beide wirklich immer ganzheitlich erfasst werden können. Trotz des enormen Fortschrittes unserer modernen Medizin liegen noch immer viele körperliche und psychische Vorgänge außerhalb unseres Fassungsvermögens. Eine Diagnose kann zur Fixierung auf das Problem führen. Es wächst, worauf der Fokus liegt – das ist allgemein bekannt. Und wenn man sich fortwährend mit Krankheitsdiagnosen und psychischen Problemen beschäftigt, fällt es schwer, lösungsorientiert zu denken.

Die größte Herausforderung, die ich sehe, ist aber dass Patienten im allgemeinen Behandlungsprozess nach Diagnosestellung dann auch als Diagnose behandelt werden – und nicht mehr als Mensch. Das ist gerade bei der Behandlung von psychischen Leiden schwierig. Ein nicht unbeachtlicher Teil meiner Patienten kommt bereits mit Klinik- oder ambulanten Therapieerfahrungen zu mir – demzufolge auch mit entsprechenden Diagnosen, nur eben ohne Behandlungserfolg. Eine Ursache hierfür vermute ich in einer einseitigen Betrachtung des Patienten. Nämlich durch die „Diagnose-Brille“.

Nun gehört zur Diagnose A vielleicht das Behandlungsmuster B. Und das hilft bei 80% der Betroffenen. Das ist sehr gut – das Nachsehen haben die anderen 20%. Wenn man den Menschen in der Behandlung aus den Augen verliert, dann wird es schwierig, eine für den Menschen passende Lösung zu finden. Wenn eine Diagnose also zu übermächtig wird, verlieren wir den zwischenmenschlichen Kontakt. Und der ist meiner Meinung nach vor allem das wichtigste im Prozess der Genesung.

Ich möchte am Schluss noch einmal ausdrücklich betonen, dass ich mitnichten gegen Diagnosen im allgemeinen Sinne bin. Ich arbeite mit Allgemein- und Fachärzten zusammen, um körperliche Ursachen auszuschließen. Gerade im Bereich somatoformer oder sexueller Störungen ist das unerlässlich, denn es ist wichtig, dass hinter den vermeintlich psychischen keine körperlichen Ursachen stecken – und natürlich umgekehrt. Hierfür ist die Diagnostik unerlässlich.

Auch ich erkläre meine Patienten nach der Befunderhebung über meine Verdachts(!)diagnose auf, denn ich bin mir der obengenannten Vorteile durchaus bewusst. Und im Anschluss entscheide ich mit dem Patienten gemeinsam, was für sie oder ihn der richtige Weg ist. Denn ich bin überzeugt, dass jeder einzelne seine Lösung am besten kennt.

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Buchtipp: Thema Borderline | Ich hasse dich - verlass mich nicht

Buchtipp: Thema Borderline | Ich hasse dich - verlass mich nicht

Ich hasse dich – verlass mich nicht – Die schwarzweiße Welt der Borderline-Persönlichkeit

Dr. med. Jerold J. Kreisman
Hal Straus
2012 Kösel-Verlag, München

Dr. med. Jerold J. Kreisman, Psychiater und einer der weltweit führenden Experten zur Borderline-Persönlichkeitsstörung und Hal Straus, Journalist und Autor, haben ein Buch geschrieben, welches nicht nur Fachleuten umfassende und nützliche Informationen bietet. Vielmehr ist dieses Buch auch ein Gewinn für Betroffene und deren Angehörige. Es bietet eine umfangreiche Beschreibung der Borderline-Persönlichkeit mit ihren Herausforderungen, beschreibt Hintergründe und Entstehungsgeschichte sowie Therapiemethoden. Ein Buch, dass Verständnis schafft, aufklärt und Vorurteile abbaut.

Mir fällt nach wie vor auf, dass das Wissen um die Borderline-Persönlichkeit häufig aus Fehlinformationen besteht. Das Laienwissen setzt sich oft zusammen aus Medienberichten über vermeintlich betroffene Promis oder einschlägige Hollywood-Streifen, die das Thema aufgreifen.

Beides wird den Betroffenen nicht gerecht. Anhand vieler Fallbeispiele bilden die Autoren ein Verständnis, was es bedeutet, Borderline-Betroffener zu sein. Sie veranschaulichen die verschiedenen Symptome und erklären einfach und verständlich, ohne medizinischen Fachjargon, wie ein Weg zur Heilung aussehen kann. Auch für Angehörige ist das Buch sehr zu empfehlen. Es bietet Kommunikationsstrategien und Weg für den Umgang mit Borderline-Persönlichkeiten, die das Zusammenleben erleichtern.

Einfach lesenswert.

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Psychische Belastungen - kleine Krise oder Anpassungsstörung?

Psychische Belastungen - kleine Krise oder Anpassungsstörung?

Ausnahmslos jeder Mensch wird im Laufe seines Lebens mit Herausforderungen konfrontiert, die auch mit psychischen Belastungen einher gehen können. Ein beruflicher Neuanfang, ein Umzug, Liebeskummer, schwere Krankheiten oder der Verlust eines geliebten Menschen. Über die entsprechenden Bewältigungsstrategien zu verfügen macht den entscheidenden Unterschied, ob die Situation gemeistert wird oder eine Anpassungsstörung auftritt.
 
In der ICD-10 Kapitel V (F), der Internationalen Klassifikation psychischer Störungen, wird die Anpassungsstörung wie folgt definiert:
 
„Hier handelt es sich um Zustände von subjektivem Leiden und emotionaler Beeinträchtigung, die soziale Funktionen und Leistungen behindern und während des Anpassungsprozesses nach einer entscheidenden Lebensveränderung, nach einem belastenden Lebensereignis oder bei Vorhandensein oder der drohenden Möglichkeit von schwerer körperlicher Krankheit auftreten.“

Merkmale der Störung sind

  • depressive Stimmung, Angst oder/und Besorgnis
  • Ein Gefühl, unmöglich zurechtkommen, vorausplanen oder in der gegenwärtigen Situation fortfahren zu können
  • Einschränkungen bei der Bewältigung der alltäglichen Routine
  • Ein Gefühl, als stehe man kurz vor einem dramatischen, emotionalen Ausbruch
  • Bei Jugendlichen Störungen des Sozialverhaltens
Die Diagnose ist sehr subjektiv und äußerst individuell, denn der Übergang von normalem Erleben und Verhalten hin zu einer psychischen Störung ist sehr fließend.
 
Trauer, Verzweiflung, Wut, Unsicherheit, Aufregung usw. sind zunächst natürlich völlig normale und verständliche emotionale Reaktionen. Sich zurückzuziehen, darüber nachzudenken oder schlecht zu schlafen sind in dem Rahmen auch zunächst keine pathologischen Verhaltensweisen. Gelingt es an dieser Stelle jedoch nicht, Möglichkeiten zu entwickeln, die neue, schwierige oder belastende Situation zu bewältigen, positive Zukunftsperspektiven zu entwickeln und sich neu zu orientieren, kann aus der psychischen Belastung eine Störung werden, die Unterstützung durch einen Therapeuten notwendig macht. 

Die Anpassungsstörung dauert zwar in der Regel nicht länger als 6 Monate, kann sich aber durch auftretende Ängste und depressive Symptome chronifizieren, in eine Angststörung oder Depression münden. Daher ist es wichtig, die Störung als solche zu erkennen und sich Hilfe zu suchen. Psychische Belastungen können jeden treffen. Fehlen Möglichkeiten, damit umzugehen ist es kein Zeichen von Schwäche, Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Vielmehr zeugt es von einer gesunden Selbstreflektion und der Fähigkeit sich selbst einzugestehen, wenn man an einem bestimmten Punkt nicht allein weiterkommt.
 
Eine individuelle Therapie kann hier helfen, nützliche Bewältigungsstrategien zu entwickeln, die Situation aus einer anderen Perspektive neu zu bewerten und wieder optimistisch in die Zukunft zu schauen.
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Soziale Phobie - die Angst vor Menschen?

Soziale Phobie - die Angst vor Menschen?

Viele kennen wahrscheinlich diese Situation: Man ist auf eine Party eingeladen, auf der man kaum jemanden kennt. Man betritt den Raum, es herrscht schon ein reges Treiben. Man schaut sich um, verschafft sich einen Überblick, sucht nach dem Gastgeber.

Oder vielleicht folgende: Man sitzt im Wochenmeeting. Jeder spricht über die vergangenen Ereignisse aus seinem Bereich. Zahlen werden ausgewertet. Man hat sich vorbereitet und kennt den Ablauf genau. Ab und zu finden kurze Diskussionen statt. Dann ist man selbst an der Reihe.

Welche Gefühle steigen in Ihnen auf, wenn Sie sich diese Situationen vor Ihr inneres Auge führen? Aufregung? Ein mulmiges Gefühl? Nervosität? Vielleicht ein bisschen Angst?

Diese Gefühle sind in ungewohnten Situationen oder Situationen, denen wir eine gewisse Bedeutung zuschreiben erst einmal völlig normal. Neue Erfahrungen schärfen unsere Sinne, sorgen für Konzentration und Fokus. Wir wollen einen guten Eindruck machen und Kompetenz beweisen. Das Kribbeln im Bauch ist ein Zeichen dafür, dass uns etwas wichtig ist. Am Ende meistern wir die Situation, haben neue Leute kennengelernt und bei unserem Chef gepunktet. Häufig fragen wir uns dann „Warum hab ich vorher nur so viele Gedanken gemacht?“ und lachen darüber.

Nicht so bei Menschen, die unter sozialer Phobie leiden. Manchmal spricht man auch von der „Bewertungsangst“. Der Angst vor (negativer) Bewertung durch andere Menschen. Wenn die Betroffenen den oben beschriebenen Raum betreten, ist ihr Hemd schon schweißnass. Sie zittern und fangen vielleicht sogar an zu stottern, sofern Sie überhaupt etwas sagen. Ihre Gedanken kreisen nur um eine Frage: „Was denken die anderen von mir?“. Die Angst entsteht dann durch die gedankliche Beantwortung dieser Frage:

  • "Vermutlich halten Sie mich für dumm und ungeschickt."
  • "Ich krieg das nie im Leben auf die Reihe und alle werden mich auslachen."
  • "Jetzt wird gleich jeder merken, dass ich aufgeregt bin und mich für inkompetent halten."

Diese Gedanken machen ein ungutes Gefühl – logisch. Sie führen jedoch gleichzeitig auch zu einer Verstärkung der Symptome. Man landet in einem Teufelskreis.

Um solche Situationen folglich zu vermeiden und die Angst vor Menschen in den Griff zu kriegen entwickelt man eine Vielzahl an Strategien:

  • Man lässt sich anrufen (oder stellt ein automatisches Klingeln ein) sobald die gefürchtete Situation naht. Dann "muss" man "notgedrungen" ans Telefon gehen und kann so aus der Situation flüchten.
  • Man behält eine Jacke an, egal wie warm es ist, um das verschwitzte Shirt zu verbergen
  • Man hält sich an einem Glas oder an der Jack fest, um das Zittern zu verbergen.
  • Man vermeidet gänzlich öffentliche Auftritte und erfindet Ausreden.

Das sind ein paar Strategien, die häufig genutzt werden, um mit der Angst vor Menschen umzugehen. Leider führen Sie dazu, dass sich die Betroffenen einschränken. Dies kann sogar bis zu dem Ausmaß stattfinden, wo gar kein Sozialleben mehr vorhanden ist. Der Unterschied zu einer spezifischen Phobie ist leicht verständlich: 

Spinnen, das Fliegen oder Höhe zu vermeiden ist relativ einfach und gleichzeitig schränkt es die Lebensqualität nicht zwangsläufig ein – je nachdem welches Ausmaß die Phobie annimmt natürlich. Menschen sind allerdings überall, außer man lebt als Eremit auf einem Berg. Überall ist Kommunikation notwendig, überall wird Interaktion gefordert, überall trifft man auf Augenpaare. 

Das Vermeidungsverhalten in diesem Kontext führt irgendwann zu Einsamkeit, die Symptome in den entsprechend wiederkehrenden Situation zu Frust, Scham, Selbstzweifel und Ärger.

Das muss jedoch nicht sein!

Für die Behandlung der sozialen Phobie gibt es hervorragende Ansätze, die schnell wirksam sein und zu nachhaltigen Ergebnissen führen können. 

Durch eine Kombination von Entspannungsübungen, Stärkung von inneren Ressourcen, Arbeit an sozialen Kompetenzen und dem Selbstbewusstsein, sowie konkreten Verhaltensübungen haben Betroffene die Möglichkeit, ihre Angst vor Menschen tragfähig in den Griff zu kriegen, ohne sie länger unterdrücken zu müssen. Und die so neu gewonnene Energie steht für freudige Ereignisse, spannende Erlebnisse und eine Lebensgestaltung, so wie man es sich wünscht, zur Verfügung.

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