Der erste Schritt zur Lösung?

Der erste Schritt zur Lösung?

Wenn wir uns mit einem Problem konfrontiert sehen, in einem Konflikt stecken oder unseren Herausforderungen nicht mehr Herr zu werden scheinen, machen wir uns häufig zunächst Gedanken, wie wir das Problem denn lösen könnten. In unserem Kopf betrachten wir es von allen Seiten, wägen ab, wiegen auf, bilanzieren, argumentieren, rechtfertigen. Eben all die Strategien, die unser Verstand so zu bieten hat. Im besten Fall folgen daraus bestimmte Handlungen, die uns der Lösung näher bringen. Konkrete Verhaltensweisen wie klärende Gespräche, persönliche Fürsorge, Auszeiten, Umorientierung.

In den häufigsten Fällen jedoch finden wir uns in einem Kreislauf wieder. „Aber ich hab doch schon alles Mögliche gemacht…“, heißt es dann. „Ich hab doch schon so viel versucht…“. Was passiert hier?

Im Angesicht eines Problems wollen wir eine Lösung dessen. Soweit so gut. Nur was wir nicht beachten ist unser übliches Denkmuster, welches sich um das Problem dreht. Unser Fokus liegt darauf, was wir nicht mehr wollen. Unser Gehirn kann allerdings nicht in Verneinungen denken. Wenn ich mir also überlege, wie ich ein Problem „nicht mehr“ habe, muss mein Gehirn zwangsläufig erst einmal an das Problem denken, um sich dann vorzustellen, wie es wäre, dieses nicht mehr zu haben. Und dort drehen wir uns im Kreis. Dieses Vermeidungsdenken führt in der Konsequenz dazu, dass wir immer mehr vom selben machen, denn unser Verhalten kann ja nur aus den vorhandenen Gedanken entstehen. Das wir so keine anderen Ergebnisse erzielen, liegt ja eigentlich auf der Hand.

Um diesen Kreislauf zu unterbrechen macht es Sinn, nicht mehr zu versuchen, irgendetwas „dagegen“ zu tun, bevor nicht klar ist, „wofür“ man eigentlich etwas tun will. Die meisten Menschen die unter psychischen Herausforderungen leiden, sind so sehr mit ihrem Problem involviert und identifiziert, dass Sie sich gar keine konkrete Vorstellungen mehr davon machen können wie es denn ohne wäre. Genau diesen Aspekt erarbeite ich häufig in der ersten Sitzung mit meinen Patienten. Ein konkretes Bild von sich selbst und einem Leben ohne dieses Problem. Auf diesem Weg treten dann auch unbewusste Muster und Überzeugungen zu Tage, die eben genau an der Entstehung des Problems beteiligt waren und an dessen Aufrechterhaltung mitwirken. Sind diese Zusammenhänge klar, wird eine neue Perspektive möglich, die wiederum Offenheit für einen anderen Weg, ein anderes Handeln, ein anderes Denken mit sich bringt.

Viele Patienten sind dankbar für diese erste Erkenntnis und berichten schon zur ersten Folgesitzung, dass sie durch diesen Hinweis bereits gelassener auf das Thema blicken konnten, der Druck, etwas verändern zu müssen, nachgelassen hat und sich mehr Ruhe und Entspannung eingestellt hat. Es ist die Erkenntnis, dass die Situation zum aktuellen Zeitpunkt so ist, wie sie eben ist. Viele Patienten machen die Erfahrung, dass sie mit ihren Gedanken, Befürchtungen und vergeblichen Lösungsversuchen nicht weiterkommen. Das Loslassen zu dürfen bedeutet für viele eine erste Erleichterung und mobilisiert neue Kräfte, um in eine andere Richtung zu denken und zu handeln und so die problematische Situation langfristig hinter sich lassen zu können – als Erfahrung, nicht als Krise.

Hinweis: Bei schwerwiegenden psychischen Problemen, Psychosen oder Suizidgedanken wenden Sie sich bitte an den psychosozialen Krisendienst oder die psychiatrischen Akut-Stationen der Krankenhäuser.

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Diagnosen - ein Für und Wider

Diagnosen - ein Für und Wider

Der diagnostische Prozess ist der Beginn jeder Behandlung. Eine ausführliche Befunderhebung und Anamnese hilft, Beschwerden einzugrenzen, Zusammenhänge zu erschließen und wichtige Informationen für die anschließende Behandlung zu sammeln. Auch während der Behandlung wird die Diagnostik kontinuierlich fortgeführt. Auf diesen Prozess möchte ich hier und jetzt nicht weiter eingehen. Am Ende der Diagnostik steht jedoch für gewöhnlich eine Diagnose. Und diese möchte ich gern näher betrachten.

Meine Betrachtungsweise bezieht sich natürlich hauptsächlich auf den psychotherapeutischen Kontext. Fragt man Wikipedia, bekommt man folgende Definition: „Eine Diagnose entsteht durch die zusammenfassende Gesamtschau und Beurteilung der erhobenen Befunde. Dabei kann es sich beispielsweise um Beschwerden, Krankheitszeichen (Symptome) oder typischen Symptomkombinationen (Syndrom) handeln. Auch Normalbefunde oder nicht krankhafte Normabweichungen können zur Diagnosestellung beitragen. Diese Befunde werden durch die Anamnese, durch eine körperliche Untersuchung oder durch chemische oder apparative Untersuchungen erhoben. Die Diagnose ist entscheidend für die weitere Vorgehensweise bei der Behandlung.

„Soweit so gut.“

Eine Diagnose am Ende hat einige Vorteile. Für Betroffene ist es gut zu wissen, dass die Beschwerden, unter denen sie leiden, einen Namen haben. Gerade wenn die Psyche betroffen ist, ist es gut zu wissen, dass es für die Symptome eine Erklärung gibt. Das beruhigt und schafft vorerst Sicherheit. Eine Diagnose vermittelt den Eindruck, dass man nicht der Einzige ist, dass es Menschen gibt, die dasselbe „Schicksal“ teilen. Gleichzeitig bedeutet das natürlich auch, dass es Möglichkeiten geben muss, die Beschwerden und Symptome zu lösen, bzw. zu heilen. Das macht Mut und ermöglicht Zuversicht. Diagnosen helfen auch dem behandelnden Arzt oder Therapeuten, eine geeignete Therapie zusammenzustellen, in welcher Form auch immer. So kann man sicher gehen, dass man auch mit den Methoden behandelt wird, die sich bei dem jeweiligen Problem als wirksam erwiesen haben und daher besonders erfolgversprechend sind.

Wie man sieht, ist es wichtig und richtig, zu Beginn und während des Behandlungsprozesses Diagnosen zu stellen und zu verfolgen. Kommen wir nun zur Kehrseite. Diagnosen werden von Menschen vorgenommen. Da Menschen nicht allwissend, keine Maschinen und auch nicht perfekt sind, kann es zu Fehleinschätzungen und demzufolge zu Fehldiagnosen kommen. Das kommt vor und ist sicher kein Geheimnis. Kein Arzt, kein Therapeut und auch kein Heilpraktiker (mich selbstverständlich eingeschlossen)  kann alles und zu jeder Zeit wissen. Sie handeln zu jeder Zeit nach bestem Wissen und Gewissen.

Der menschliche Körper und vor allem die menschliche Psyche sind jedoch viel zu komplex, als dass beide wirklich immer ganzheitlich erfasst werden können. Trotz des enormen Fortschrittes unserer modernen Medizin liegen noch immer viele körperliche und psychische Vorgänge außerhalb unseres Fassungsvermögens. Eine Diagnose kann zur Fixierung auf das Problem führen. Es wächst, worauf der Fokus liegt – das ist allgemein bekannt. Und wenn man sich fortwährend mit Krankheitsdiagnosen und psychischen Problemen beschäftigt, fällt es schwer, lösungsorientiert zu denken.

Die größte Herausforderung, die ich sehe, ist aber dass Patienten im allgemeinen Behandlungsprozess nach Diagnosestellung dann auch als Diagnose behandelt werden – und nicht mehr als Mensch. Das ist gerade bei der Behandlung von psychischen Leiden schwierig. Ein nicht unbeachtlicher Teil meiner Patienten kommt bereits mit Klinik- oder ambulanten Therapieerfahrungen zu mir – demzufolge auch mit entsprechenden Diagnosen, nur eben ohne Behandlungserfolg. Eine Ursache hierfür vermute ich in einer einseitigen Betrachtung des Patienten. Nämlich durch die „Diagnose-Brille“.

Nun gehört zur Diagnose A vielleicht das Behandlungsmuster B. Und das hilft bei 80% der Betroffenen. Das ist sehr gut – das Nachsehen haben die anderen 20%. Wenn man den Menschen in der Behandlung aus den Augen verliert, dann wird es schwierig, eine für den Menschen passende Lösung zu finden. Wenn eine Diagnose also zu übermächtig wird, verlieren wir den zwischenmenschlichen Kontakt. Und der ist meiner Meinung nach vor allem das wichtigste im Prozess der Genesung.

Ich möchte am Schluss noch einmal ausdrücklich betonen, dass ich mitnichten gegen Diagnosen im allgemeinen Sinne bin. Ich arbeite mit Allgemein- und Fachärzten zusammen, um körperliche Ursachen auszuschließen. Gerade im Bereich somatoformer oder sexueller Störungen ist das unerlässlich, denn es ist wichtig, dass hinter den vermeintlich psychischen keine körperlichen Ursachen stecken – und natürlich umgekehrt. Hierfür ist die Diagnostik unerlässlich.

Auch ich erkläre meine Patienten nach der Befunderhebung über meine Verdachts(!)diagnose auf, denn ich bin mir der obengenannten Vorteile durchaus bewusst. Und im Anschluss entscheide ich mit dem Patienten gemeinsam, was für sie oder ihn der richtige Weg ist. Denn ich bin überzeugt, dass jeder einzelne seine Lösung am besten kennt.

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Im Schatten meiner Seele – ein Erfahrungsbericht

Im Schatten meiner Seele – ein Erfahrungsbericht

Mein Name ist Freddie H. und ich bin mittlerweile 62 Jahre alt. Ich bin in Dortmund aufgewachsen und im Jahre 1970 mit meinen Eltern nach Düsseldorf gezogen. Meine Kindheit war, wie so viele in dieser Zeit, nicht einfach. Die Eltern vom Krieg geprägt waren oft schnell aus der Fassung zu bringen und Bestrafungen von verbalen Beschimpfungen bis hin zu körperlichen Züchtigungen waren fast an der Tagesordnung. So war mein eigentliches zu Hause draußen auf der Straße beim Spielen mit meinen Freunden.

Diese Welt zerbrach als ich 16 Jahre alt war und wir nach Düsseldorf zogen. Meine Freundeskreis löste sich auf. Ich machte eine kaufmännische Lehre, die ich erfolgreich abschloss und fort an als Industriekaufmann in einem großen Elektrokonzern arbeitete. Ich machte meinen Führerschein, konnte mir kleine Urlaube leisten und mein erstes gebrauchtes Auto kaufen. Mit 24 Jahren heiratete ich meine damalige Freundin und die Welt schien so weit in Ordnung zu sein. Mein Gehalt verbesserte sich von Jahr zu Jahr und nach einem erfolgreichen Auslandseinsatz für die Firma kam das erste Kind. Wir zogen in eine größere Wohnung und im Jahr darauf wurde der zweite Sohn geboren. Es folgte Kind Nummer drei und die Wohnung wurde etwas enger. Mein Firmenkonzern begann sich Anfang der 90er Jahre zu verändern. Mein Arbeitsplatz wurde erweitert und einige Jahre später wurden Standorte geschlossen und ich hatte jetzt das Arbeitspensum von vorher drei Mitarbeitern allein zu tragen. Mein vierter Sohn wurde geboren. Eine neue Wohnung war noch nicht in Sicht, trotz intensiver Suche. Irgendwie schaffe ich das, waren meine täglichen Gedanken. Meine Freiräume waren verschwindend klein geworden und nach 10 Stunden am Schreibtisch kamen noch Einkäufe und Kinderbetreuung dazu, so dass es oft bis spät in die Nacht kein Atemholen mehr gab.

Als 1995 mein Vater als zweites Elternteil starb, fing ich oft an zu zittern. Meine Gedanken im Kopf kreisten in rasender Geschwindigkeit und bei den hoch komplizierten kaufmännischen Planungen unterliefen mir immer mehr Fehler. Das durfte natürlich nicht sein. Ich kompensierte das, in dem ich immer länger im Büro saß um alles wieder zum perfekten Ablauf zu bringen. Aber es gelang mir immer weniger, der Körper streikte, immer mehr rebellierte der Magen, plagten mich Kreislaufprobleme und starke Rückenschmerzen. Was war nur los mit mir? Ich lief von einer Praxis zur anderen und die Liste der Fachärzte die ich aufsuchte wurde immer länger. Weder erhielt ich Diagnosen, die mein Leiden erklären konnten noch war irgend eine medikamentöse oder therapeutische Maßnahme hilfreich. In einer Phase der Ruhe, ich hatte ein paar Tage Urlaub wurde es immer schlimmer. Ich konnte meinen Zustand nicht erklären, nicht einmal wirklich beschreiben. Todesangst quälte mich. Schweiß bedeckte meine Stirn. Das Herz raste. Der Notarzt kam. Mit einem Ruhepuls von 150 und einem Blutdruck von 260 zu 130 kam ich in die Klinik.

Ich wurde auf den Kopf gestellt und eine Untersuchung reihte sich an die andere. Keine Diagnose. Beruhigungsmittel und Unmengen von Blutdrucksenkern, die eigenartiger Weise kaum Wirkung zeigten. Nach drei Wochen wurde ich entlassen um nach einem Rückfall zwei Tage später wieder in der Klinik zu sein. Jetzt zog man einen Psychiater hinzu und es wurde von Angstschüben, Panik und Depression gesprochen. Für mich alles fremd. Nach einer weiteren Woche wurde ich erneut entlassen und in ambulante Behandlung gegeben. Meine erste Frage war: „Wann bin ich wieder der Alte? Wann kann ich wieder Arbeiten?“ Die Antwort des Psychiaters war ernüchternd: „Sie werden nicht mehr der Alte. Sie werden ein Anderer und wann sie wieder arbeitsfähig sind steht in den Sternen.“ Ich erhielt wöchentlich Spritzen (Imap) und nahm mehrere Antidepressiva ein. Besserung empfand ich nicht, eher Verschlechterung. Die Medikamente wurden daher noch oft gewechselt und die Dosierungen verändert. Schlafen konnte ich fast gar nicht mehr. Also gab es irgendwann Nitrazepam als Schlafmittel dazu. Mein Körper rebellierte immer wieder und Phasen von absoluter Niedergeschlagenheit wechselten mit Phasen an denen ich dachte heute reiße ich die Welt ein. Ich begann meine erste ambulante Therapie. Es folgte eine erste Reha Maßnahme in einer psychosomatisch/psychotherapeutischen Klinik.

Acht Wochen lernte ich dort viele neue Dinge kennen. Zum ersten Mal erfuhr ich Dinge über mich selbst, denn um mich hatte ich mich eigentlich nie wirklich intensiv gekümmert. Wichtig waren immer nur andere Menschen für mich und davon gab es genug in meiner Nähe. Ich wurde entlassen und begann eine stufenweise Wiedereingliederung in der Firma. Mittlerweile war ich 13 Monate arbeitsunfähig, eine unvorstellbar lange Zeit für mich und das ganze Arbeitsleben war für mich fremd geworden. Mein Arbeitsplatz war neu besetzt, ich wurde von Abteilung zu Abteilung geschoben und musste wieder beginnen zu kämpfen wollte ich wieder Teil des Ganzen werden. Unterstützung hatte ich in dieser Zeit außer der therapeutischen Begleitung kaum. Zu Hause warteten vier kleine Kinder und ein fünftes war unterwegs. Nach dem endlich eine größere Wohnung in Sicht war schaffte ich den Spagat zwischen Wiedereingliederung, Wohnungsrenovierung, Umzug und Kinderbetreuung nicht mehr und fiel erneut aus.

Als ich wieder in der Firma war begann ein subtiles Mobbing und acht Monate später war es vorbei. Ich wurde gekündigt. Verständnis im privaten Umfeld? Eher wenig. Aber viele Stimmen um mich herum flüsterten folgendes: „Wie kann man nur mit fünf Kindern seinen Arbeitsplatz auf´s Spiel setzen? Du hast die Verantwortung für die Familie, hättest du nicht durchhalten können? Du bist doch der Ernährer, wie soll es denn jetzt weiter gehen?“ Ja, das hätte ich auch gern gewusst. Mein Weg führte mich das erste Mal in meinem Leben zum Arbeitsamt. Eine beschämende Situation. Es gab Arbeitslosengeld, dann Arbeitslosenhilfe. In der nächsten Zeit führte ich weitere ambulante Therapien durch, hatte eine zweite Reha und schrieb unendlich viel Bewerbungen. In den nächsten drei Jahren brachte ich es auf 800 Bewerbungen! In jedem Bewerbungsgespräch, wo meine Erkrankung zum Thema wurde wusste ich die Chance ist vertan und so war es auch. Ich durfte die Einführung von Hartz IV miterleben, der Gürtel musste noch enger geschnallt werden. Meine Frau nahm kleine Stellen an und ich verlagerte meine wenige Energie, die mir noch verblieben war auf die Betreuung von Haushalt und Kindern. Ich merkte jetzt immer mehr die sozialen Folgen der Krankheit, nicht nur alle finanziellen Reserven waren aufgebraucht, die alten Kolleginnen und Kollegen kannten mich nicht mehr auch so einige Freunde wandten sich ab. Mit einem „Psycho“ wollte man nicht unbedingt weiter in Erscheinung treten.

Weitere Therapien, eine dritte Reha. Das Arbeitsamt setzte mich in teilweise völlig unsinnige Maßnahmen ein. Ich erhielt Bewerbertraining, nachdem ich schon über 500 Bewerbungen verschickt hatte. Der Rückzug in die Isolation und die ständigen heftigen Stimmungsschwankungen verbunden mit den vielen körperlichen Symptomen plagten mich weiter Tag und Nacht. Auf Anraten meiner Ärzte und Therapeuten dann stellte ich nach 7 Jahren Kampf einen Antrag auf Berentung. Da war der Rentenversicherungsträger aber ganz anderer Meinung. Eine weitere Reha folgte, die nicht so ganz sauber verlief und wo so einige Sachen im Entlassungsbericht manipuliert und geschönt wurden. Natürlich wurde sowohl der Rentenantrag als auch der Widerspruch abgelehnt. Mit Hilfe des Sozialverbandes Deutschland, in den ich zwischenzeitlich eingetreten war, führte ich den Kampf weiter. Es vergingen noch drei harte Jahre und vier weitere Gutachten wurden in Auftrag gegeben, bis nach einem letzten Gegengutachten die Rente bewilligt wurde. Es war das Jahr 2004.

Mit Anfang 50 in Rente ein Gedanke der mir immer noch völlig fremd war und mit dem ich große Probleme hatte. Ich hatte in guten Phasen einen Fernkurs im Schreiben belegen können und zwischenzeitlich begonnen kleine Gedichte zu verfassen. Nur für mich so aus der Seele heraus. In den Reha-Aufenthalten haben mich Mitpatienten oft gelobt und mich bestärkt weiter zu schreiben. Irgendwann wurden erste kleine Gedichte in Zeitungen und Magazinen gedruckt. Darüber war ich sehr froh, hätte ich mir nicht träumen lassen. Auch die Angstzeitschrift DAZ hat mehrmals meine Gedichte veröffentlicht. Als ich eine gewisse Anzahl an Gedichten hatte versuchte ich einen Verlag zu finden, der sie vielleicht druckt. Aber es gab fast nur Absagen oder Zusagen verbunden mit riesigen Druckkostenvorschüssen die ich nicht leisten konnte. Ich machte einfach weiter und es war mir eigentlich auch nicht so wichtig Geld damit zu verdienen sondern eigentlich war der Gedanke mehr Menschen damit erreichen zu können. Denn die positiven Rückmeldungen häuften sich und gaben mir immer wieder einen kleinen Anschub. Die körperlichen und seelischen Hochs und Tiefs gingen weiter – bis heute.

Meine Ehe scheiterte, eine Trennung folgte, Unterhalt, weitere finanzielle Einbußen und noch einige Freunde die sich abwandten. Aber ich hatte in der langen Zeit ein wenig gelernt wieder aufzustehen und ganz wichtig: mehr und mehr die Angst zu verlieren. Immer wieder spiegelte mir meine Seele die Zeit der Krankenhausaufenthalte und der Todesängste, der Panik, der Erschöpfung, der Verwirrung. Ich hatte die Hölle durchlebt immer und immer wieder – was sollte mir also noch passieren? Absagen bei Vorhaben, Anfeindungen, unangebrachte Kritik, Tratsch und Klatsch das kann mir heute nichts mehr anhaben. Alles was scheitert war den Versuch wert und dann heißt es neu ausrichten. So sind bis heute meine zwei kleinen Lyrik-Babys geboren Seelenkleiderund „Gedankenfische“ und es gibt noch weitere Ideen. Mein Rat an jeden Betroffenen, wenn ich überhaupt einen geben darf: jeder winzige Erfolg zählt, jede noch so kleine Veränderung ist ein Erfolg daher habt den Mut neue Wege zu gehen, die alten sind oft nicht mehr begehbar.

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Somatoforme Störung - eine Metapher

Somatoforme Störung - eine Metapher

Vielleicht fühlt es sich an, wie ein Feuer das immer während vorhanden scheint, wo es doch ringsum nichts Brennbares zu geben scheint…

Wenn die letzten staubtrockenen Ästchen in der glühendheißen Wüste sich entzünden und lichterloh brennen, dann wäre es wohl für Rumpelstilzchen ein riesiges Glück, könnte er doch in dieser kargen Gegend die einzige und vielleicht auch letzte Möglichkeit eines Feuers ergreifen, an dem er doch noch zu seinem Freundtanz kommt.

Somatoforme Störungen fühlen sich ähnlich an, wenn ein Feuer immer während vorhanden scheint, wo es doch ringsum nichts Brennbares zu geben scheint. Unruhe macht sich breit. Nach einem Freudentanz ist mir nicht zumute, nur ein Stupser und ich könnte platzen. Ich möchte wahrlich kein Rumpelstilzchen sein, suche ich doch in langer Odyssee schon nach dem kühlenden Wasserstrahl, der als einzig wahre Lösung anmutet, das fortschreitende Knistern und Knacken endlich zu beenden.

In fortwährender Tortur von einer Untersuchung zur nächsten hinterlassen zahlreiche Behandlungen Therapien doch stets nur einen bitteren Nachgeschmack, denn die Frage bleibt: Wann kann ich endlich aus der stickigen Höhle heraustreten ins Licht der Sonne, bringt dieses doch womöglich das Strahlen der Heilung und Gesundheit in mein Leben?…

Was muss geschehen, um den innerlich aufgebauten Druck endlich los- und frei werden zu lassen? Den schwarzen Umhang der mich einhüllt wie ein dicker schwerer Regenmantel und jeglichen kühlen Tropfen von mir fernhält endlich abzuwerfen und hinauszutreten ins kühle Nass, auf das die Sonnenseite des Lebens folgt und einlädt, ein spritziges Getränk unter Palmen zu genießen.

Jegliches Zeichen zur Heilwirkung scheint sich zu verstecken wie eine scheue Schlange im Dickicht, die sich windet und schier ungreifbar verschwindet, sobald man sie auch nur erblickt.

Vielleicht kann ein Ausweg ein eher mystisch anmutender und völlig befremdlicher Weg sein, der zunächst leise und kaum zu erahnen dem Klang ruhiger Musik aus dem Inneren heraus folgt. Ein Wagnis. Doch was hält mich, im Dunkel versteckt unter schweren Mänteln der Sorge und Frustration? Wenn doch eine Belohnung auf der anderen Seite wartet – ein Meer rumänischer Lilien, die sich farbenfroh unter der Sonne unendlich weit zu ziehen scheinen – endlose Weite statt einnehmender Enge. Ein schönes Ziel.

Dieser Text mit Hilfe einer Betroffenen entstanden. Somatoforme Störungen sind sehr unterschiedlich und vielschichtig. Der Text soll hier „nur“ einen Eindruck vermitteln, wie ein Betroffener dieses Störungsbild wahrnimmt und erlebt.

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Was ist denn nun "nicht mehr normal"?

Was ist denn nun "nicht mehr normal"?

Psychische Erkrankungen beeinträchtigen das Leben der Betroffenen, das ist jedem klar. Aber wann kann man denn überhaupt von einer psychischen Störung sprechen? Was muss wann behandelt werden?

Grundsätzlich gibt es ein paar Kriterien, nach denen, wissenschaftlich betrachtet, „normales“ von „krankhaftem“ Verhalten unterschieden werden kann:

Persönlicher Leidensdruck

Wenn man zum Beispiel aufgrund von Ängsten oder Zwängen das Haus nicht mehr verlassen kann, durch Grübeln im Rahmen einer Depression keine Entscheidungen mehr treffen kann oder seine alltäglichen Aufgaben aufgrund emotionaler Instabilität nicht mehr bewältigen kann, entsteht für den Betroffenen ein Leidensdruck. Oft kommt es auch für deren Angehörige zu einer Einschränkung der Lebensqualität.

Statistische Seltenheit

Die Wahrscheinlichkeit, im Leben an einer Schizophrenie zu erkranken liegt bei 1-2% (in diesem Fall in allen Teilen der Welt etwa gleich). Hiermit ist zum Beispiel das Kriterium der statistischen Seltenheit erfüllt. Es geht also um die Häufigkeit, bzw. Auftretenswahrscheinlichkeit einer psychischen Störung.

Verletzung sozialer Normen

Menschen mit einer dissozialen Persönlichkeitsstörung neigen zu aggressiven Verhalten, lernen nicht aus Bestrafungen und werden oft gewalttätig. Das entspricht zum Beispiel nicht den sozialen Normen, die im Grunde besagen, dass man Konflikte gewaltfrei klären sollte.

Unangemessenes Verhalten

Ein nicht einfach zu definierendes Kriterium, denn das Verhaltensrepertoire der Menschen ist oft umfangreich. Genie und Wahnsinn liegen ja bekanntlich nah beieinander. Wenn jemand aber grundlos Scheiben einschlägt, auf einer Beerdigung laut lacht oder sein Verhalten grundsätzlich unvorhersehbar, unberechenbar und unkontrolliert ist, trifft dieses Kriterium zu. Hier ist immer der kulturelle Kontext zu beachten. Was für uns angemessen erscheint, kann in Japan schon absolut inadäquat sein.

Irrationalität

Wir alle haben eine Vorstellung von Wirklichkeit, die sich im großen und ganzen gleicht. Irrationalität bedeutet, dass etwas unsinnig, unrealistisch oder total unverständlich erscheint. Wer auf der Straße mit Menschen spricht, die nicht da sind oder sein Haus aus Angst vor Bestrahlung mit Alufolie einkleidet wären hierfür zwei Beispiele.

Diese Kriterien entstammen der klinischen Psychologie. Fakt ist, das „normal“ ein sehr dehnbarer Begriff ist. Ich bin der Meinung, dass zum einen auschlaggebend ist, inwiefern der Betroffene selbst leidet. Zum anderen gibt es Betroffene, denen nicht bewusst ist, dass sie eine psychische Störung haben, dafür merkt es aber das Umfeld. Was ist schon normal?

Wer mit sich und seiner Welt zufrieden ist und gleichzeitig keinem anderen Schaden zufügt – was kann dann verkehrt sein? Muss so jemand therapiert werden, nur weil er aufgrund seines Wesens vielleicht nicht unbedingt in unsere gesellschaftlichen Normen passt? Ich denke nicht. Wer dagegen unter seinen Ängsten leidet, in tiefer Trauer versinkt oder die Existenz seiner Familie aufgrund von Alkoholismus gefährdet, sollte sich Hilfe suchen, denn es gibt viele Menschen die viele verschiedene Möglichkeiten bieten, solche Krisen zu bewältigen.

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Anamnese - warum das Erstgespräch so wichtig ist?

Anamnese - warum das Erstgespräch so wichtig ist?

Egal ob Heilpraktiker für Psychotherapie, psychologischer Psychotherapeut, Psychologe oder Facharzt – den richtigen Ansprechpartner erkennen Sie daran, dass er sich beim ersten Termin viel Zeit nimmt, um Sie und Ihr Anliegen genau kennenzulernen.

Das ist nicht nur wichtig, um zu sehen, wie er Ihnen letztendlich helfen kann, sondern auch um zu entscheiden, ob er Ihnen helfen kann. Ein guter Therapeut kennt seine Kompetenzen – und seine Grenzen. Die menschliche Psyche ist wahnsinnig komplex und man kann nicht auf jedem Gebiet Fachmann sein.

Ein guter Therapeut würde das auch nicht für sich beanspruchen. Er weiß, wann es für den Patienten das Beste ist, dass er jemand anderes konsultiert und hat meist auch entsprechende Kontaktdaten parat oder kann jemanden empfehlen.

Um entscheiden zu können wobei, in welcher Form und ob überhaupt geholfen werden kann, ist eine ausführliche Anamnese unerlässlich. Welche Punkte werden hierbei im Allgemeinen abgefragt:

  • Die biografische Anamnese beinhaltet alle relevanten Informationen aus Ihrer persönlichen Lebensgeschichte.
  • Ihre Krankheitsgeschichte gibt Aufschluss über frühere Erkrankungen und erlaubt Rückschlüsse und mögliche Zusammenhänge.
  • Die soziale Anamnese enthält unter anderem Informationen zum Familienstand, dem Beruf und sonstigen soziale Rahmenbedingungen.
  • Die Familienanamnese ist wichtig, um festzustellen ob es Erbkrankheiten gibt – bei vielen psychischen Störungen wird immerhin eine gentische Komponente vermutet
  • Lassen Sie sich bei Fragen nach dem Konsum von Medikamenten, Drogen, Alkohol und sonstigen Rauschmitteln nicht verunsichern. Diese Frage ist wichtig, denn viele Substanzen haben eine große Auswirkung auf die psychische Verfassung und müssen daher (bestenfalls) ausgeschlossen werden.
  • Bei körperlichen Beschwerden ist es immer wichtig und unerlässlich, dass ein Arzt konsultiert wird. Körperliche Beschwerden können bei psychischen Störungen begleitend auftreten. Andererseits können organische Erkrankungen aber auch die Psyche beeinflussen, daher sind diese ebenfalls unbedingt auszuschließen. Der Therapeut wird Sie also nach eventuellen medizinischen Befunden fragen.

Ein wichtiger Teil des Erstgespräches ist natürlich auch die aktuelle Problematik bzw. Symptomatik. Zur Erhebung dieser Informationen nutzten unterschiedliche Therapeuten unterschiedliche Fragebögen, Systeme oder andere Hilfsmittel.

Ich habe mit dem AMDP-System die besten Erfahrungen gemacht, denn es beinhaltet alle wichtigen Symptomgruppen, die für einen vollständigen sogenannten psychopathologischen Befund wichtig sind.

Am Ende steht für den Therapeuten meist eine erste Verdachtsdiagnose, auf deren Grundlage er Ihnen mögliche Therapieansätze vorschlagen und erklären kann oder eben an einen Kollegen verweist. Er beantwortet Ihre offenen Fragen und sollten Sie sich für eine Therapie entscheiden, wird er mit Ihnen die Rahmenbedingungen klären. Am Ende ist es Ihre Entscheidung.

Eine erfolgreiche Therapie setzt auch eine tragfähige Beziehung zwischen Ihnen und dem Therapeuten voraus. Immerhin geht es um vertrauliche, wichtige Themen, die man nicht mit jedem teilen und besprechen, geschweige denn behandeln möchte.

Nutzen Sie also das Erstgespräch ebenfalls, um sich ein Bild von dem Therapeuten zu machen und zu sehen, ob Sie ihm vertrauen und mit ihm arbeiten wollen.

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Warum schreibe ich diesen Blog?

Warum schreibe ich diesen Blog?

Die Arbeit mit Menschen fasziniert mich, seitdem ich mich als Trainer und Coach selbständig gemacht habe. Menschen dabei zu begleiten, neue Wege zu finden, problematische Situationen zu lösen, einen neuen Zugang zu sich selbst zu finden bringt auch mich immer wieder mit mir selber in Kontakt.

Im Laufe dieser Tätigkeit und auch in meiner Ausbildung zur Heilpraktikerin für Psychotherapie habe ich viel über die Vielfalt menschlichen Verhaltens, die Auswirkung von Glaubenssystemen und Überzeugungen und die Unterschiedlichkeit von Strategien, mit denen Menschen Herausforderungen begegnen, lernen dürfen.

In diesem Blog möchte ich daher zum einen meine Erfahrungen teilen, zum anderen aber auch Aufklärung leisten. Ich möchte informieren über die verschiedenen Gebiete und Themen der menschlichen Psyche. Außerdem ist es mir wichtig, Menschen einen verständlichen Einblick in psychische „Krankheiten“ zu geben.

Ich habe „Krankheiten“ bewusst in Anführungszeichen gesetzt, da die Originalitäten psychischer Aspekte und Entwicklungen für mich nicht wirklich etwas Krankhaftes darstellen. Viel mehr sehe ich sie als Herausforderungen, denen sich manche Menschen stellen dürfen, während sie den Höhen und Tiefen des Lebens begegnen.

Jeder nimmt seine Umwelt anders wahr, verarbeitet Eindrücke unterschiedlich und geht mit den alltäglichen Anforderungen anders um. Und manchmal sind wir einfach überfordert. Das macht uns nicht zu Verrückten – es ermöglicht Entwicklung und Wachstum. Und dabei möchte ich Betroffene und deren Angehörige begleiten.

Dem Leser möchte ich die Berührungsängste nehmen. Psychische Herausforderungen sind oft ein Tabuthema. Wenn jemand aufgrund eines Bandscheibenvorfalls sechs Wochen krankgeschrieben ist, besteht oft kein Problem, das auch offen zu kommunizieren. Hat jemand allerdings Schwierigkeiten, aufgrund einer schweren Depression morgens überhaupt aufzustehen, ist das nichts, worüber man offen spricht. Sollte es aber.

So wie man unter körperlichen Beschwerden leidet, leiden die Betroffenen unter seelischen Beschwerden, die für unsere rational orientierte Wirklichkeit aber oft zu schwer zu greifen sind. Es ist nicht einfach im Falle einer Depression zu erklären warum man gern „können will, aber nicht wollen kann“.

Ich wünsche mir, dass mit der Thematik „psychischer Störungen“ offener umgegangen wird und die Betroffenen den Mut fassen, sich Hilfe zu suchen. Und ich wünsche mir, dass Angehörige die Möglichkeit haben, sich zu informieren und zu lernen, wie man mit Betroffenen umgehen kann, ohne die eigene Lebensqualität einzuschränken, was sehr oft passiert.

Dazu will ich gern einen Beitrag leisten – mit meiner Arbeit und diesem Blog.

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