Im Schatten meiner Seele – ein Erfahrungsbericht

Im Schatten meiner Seele – ein Erfahrungsbericht

Mein Name ist Freddie H. und ich bin mittlerweile 62 Jahre alt. Ich bin in Dortmund aufgewachsen und im Jahre 1970 mit meinen Eltern nach Düsseldorf gezogen. Meine Kindheit war, wie so viele in dieser Zeit, nicht einfach. Die Eltern vom Krieg geprägt waren oft schnell aus der Fassung zu bringen und Bestrafungen von verbalen Beschimpfungen bis hin zu körperlichen Züchtigungen waren fast an der Tagesordnung. So war mein eigentliches zu Hause draußen auf der Straße beim Spielen mit meinen Freunden.

Diese Welt zerbrach als ich 16 Jahre alt war und wir nach Düsseldorf zogen. Meine Freundeskreis löste sich auf. Ich machte eine kaufmännische Lehre, die ich erfolgreich abschloss und fort an als Industriekaufmann in einem großen Elektrokonzern arbeitete. Ich machte meinen Führerschein, konnte mir kleine Urlaube leisten und mein erstes gebrauchtes Auto kaufen. Mit 24 Jahren heiratete ich meine damalige Freundin und die Welt schien so weit in Ordnung zu sein. Mein Gehalt verbesserte sich von Jahr zu Jahr und nach einem erfolgreichen Auslandseinsatz für die Firma kam das erste Kind. Wir zogen in eine größere Wohnung und im Jahr darauf wurde der zweite Sohn geboren. Es folgte Kind Nummer drei und die Wohnung wurde etwas enger. Mein Firmenkonzern begann sich Anfang der 90er Jahre zu verändern. Mein Arbeitsplatz wurde erweitert und einige Jahre später wurden Standorte geschlossen und ich hatte jetzt das Arbeitspensum von vorher drei Mitarbeitern allein zu tragen. Mein vierter Sohn wurde geboren. Eine neue Wohnung war noch nicht in Sicht, trotz intensiver Suche. Irgendwie schaffe ich das, waren meine täglichen Gedanken. Meine Freiräume waren verschwindend klein geworden und nach 10 Stunden am Schreibtisch kamen noch Einkäufe und Kinderbetreuung dazu, so dass es oft bis spät in die Nacht kein Atemholen mehr gab.

Als 1995 mein Vater als zweites Elternteil starb, fing ich oft an zu zittern. Meine Gedanken im Kopf kreisten in rasender Geschwindigkeit und bei den hoch komplizierten kaufmännischen Planungen unterliefen mir immer mehr Fehler. Das durfte natürlich nicht sein. Ich kompensierte das, in dem ich immer länger im Büro saß um alles wieder zum perfekten Ablauf zu bringen. Aber es gelang mir immer weniger, der Körper streikte, immer mehr rebellierte der Magen, plagten mich Kreislaufprobleme und starke Rückenschmerzen. Was war nur los mit mir? Ich lief von einer Praxis zur anderen und die Liste der Fachärzte die ich aufsuchte wurde immer länger. Weder erhielt ich Diagnosen, die mein Leiden erklären konnten noch war irgend eine medikamentöse oder therapeutische Maßnahme hilfreich. In einer Phase der Ruhe, ich hatte ein paar Tage Urlaub wurde es immer schlimmer. Ich konnte meinen Zustand nicht erklären, nicht einmal wirklich beschreiben. Todesangst quälte mich. Schweiß bedeckte meine Stirn. Das Herz raste. Der Notarzt kam. Mit einem Ruhepuls von 150 und einem Blutdruck von 260 zu 130 kam ich in die Klinik.

Ich wurde auf den Kopf gestellt und eine Untersuchung reihte sich an die andere. Keine Diagnose. Beruhigungsmittel und Unmengen von Blutdrucksenkern, die eigenartiger Weise kaum Wirkung zeigten. Nach drei Wochen wurde ich entlassen um nach einem Rückfall zwei Tage später wieder in der Klinik zu sein. Jetzt zog man einen Psychiater hinzu und es wurde von Angstschüben, Panik und Depression gesprochen. Für mich alles fremd. Nach einer weiteren Woche wurde ich erneut entlassen und in ambulante Behandlung gegeben. Meine erste Frage war: „Wann bin ich wieder der Alte? Wann kann ich wieder Arbeiten?“ Die Antwort des Psychiaters war ernüchternd: „Sie werden nicht mehr der Alte. Sie werden ein Anderer und wann sie wieder arbeitsfähig sind steht in den Sternen.“ Ich erhielt wöchentlich Spritzen (Imap) und nahm mehrere Antidepressiva ein. Besserung empfand ich nicht, eher Verschlechterung. Die Medikamente wurden daher noch oft gewechselt und die Dosierungen verändert. Schlafen konnte ich fast gar nicht mehr. Also gab es irgendwann Nitrazepam als Schlafmittel dazu. Mein Körper rebellierte immer wieder und Phasen von absoluter Niedergeschlagenheit wechselten mit Phasen an denen ich dachte heute reiße ich die Welt ein. Ich begann meine erste ambulante Therapie. Es folgte eine erste Reha Maßnahme in einer psychosomatisch/psychotherapeutischen Klinik.

Acht Wochen lernte ich dort viele neue Dinge kennen. Zum ersten Mal erfuhr ich Dinge über mich selbst, denn um mich hatte ich mich eigentlich nie wirklich intensiv gekümmert. Wichtig waren immer nur andere Menschen für mich und davon gab es genug in meiner Nähe. Ich wurde entlassen und begann eine stufenweise Wiedereingliederung in der Firma. Mittlerweile war ich 13 Monate arbeitsunfähig, eine unvorstellbar lange Zeit für mich und das ganze Arbeitsleben war für mich fremd geworden. Mein Arbeitsplatz war neu besetzt, ich wurde von Abteilung zu Abteilung geschoben und musste wieder beginnen zu kämpfen wollte ich wieder Teil des Ganzen werden. Unterstützung hatte ich in dieser Zeit außer der therapeutischen Begleitung kaum. Zu Hause warteten vier kleine Kinder und ein fünftes war unterwegs. Nach dem endlich eine größere Wohnung in Sicht war schaffte ich den Spagat zwischen Wiedereingliederung, Wohnungsrenovierung, Umzug und Kinderbetreuung nicht mehr und fiel erneut aus.

Als ich wieder in der Firma war begann ein subtiles Mobbing und acht Monate später war es vorbei. Ich wurde gekündigt. Verständnis im privaten Umfeld? Eher wenig. Aber viele Stimmen um mich herum flüsterten folgendes: „Wie kann man nur mit fünf Kindern seinen Arbeitsplatz auf´s Spiel setzen? Du hast die Verantwortung für die Familie, hättest du nicht durchhalten können? Du bist doch der Ernährer, wie soll es denn jetzt weiter gehen?“ Ja, das hätte ich auch gern gewusst. Mein Weg führte mich das erste Mal in meinem Leben zum Arbeitsamt. Eine beschämende Situation. Es gab Arbeitslosengeld, dann Arbeitslosenhilfe. In der nächsten Zeit führte ich weitere ambulante Therapien durch, hatte eine zweite Reha und schrieb unendlich viel Bewerbungen. In den nächsten drei Jahren brachte ich es auf 800 Bewerbungen! In jedem Bewerbungsgespräch, wo meine Erkrankung zum Thema wurde wusste ich die Chance ist vertan und so war es auch. Ich durfte die Einführung von Hartz IV miterleben, der Gürtel musste noch enger geschnallt werden. Meine Frau nahm kleine Stellen an und ich verlagerte meine wenige Energie, die mir noch verblieben war auf die Betreuung von Haushalt und Kindern. Ich merkte jetzt immer mehr die sozialen Folgen der Krankheit, nicht nur alle finanziellen Reserven waren aufgebraucht, die alten Kolleginnen und Kollegen kannten mich nicht mehr auch so einige Freunde wandten sich ab. Mit einem „Psycho“ wollte man nicht unbedingt weiter in Erscheinung treten.

Weitere Therapien, eine dritte Reha. Das Arbeitsamt setzte mich in teilweise völlig unsinnige Maßnahmen ein. Ich erhielt Bewerbertraining, nachdem ich schon über 500 Bewerbungen verschickt hatte. Der Rückzug in die Isolation und die ständigen heftigen Stimmungsschwankungen verbunden mit den vielen körperlichen Symptomen plagten mich weiter Tag und Nacht. Auf Anraten meiner Ärzte und Therapeuten dann stellte ich nach 7 Jahren Kampf einen Antrag auf Berentung. Da war der Rentenversicherungsträger aber ganz anderer Meinung. Eine weitere Reha folgte, die nicht so ganz sauber verlief und wo so einige Sachen im Entlassungsbericht manipuliert und geschönt wurden. Natürlich wurde sowohl der Rentenantrag als auch der Widerspruch abgelehnt. Mit Hilfe des Sozialverbandes Deutschland, in den ich zwischenzeitlich eingetreten war, führte ich den Kampf weiter. Es vergingen noch drei harte Jahre und vier weitere Gutachten wurden in Auftrag gegeben, bis nach einem letzten Gegengutachten die Rente bewilligt wurde. Es war das Jahr 2004.

Mit Anfang 50 in Rente ein Gedanke der mir immer noch völlig fremd war und mit dem ich große Probleme hatte. Ich hatte in guten Phasen einen Fernkurs im Schreiben belegen können und zwischenzeitlich begonnen kleine Gedichte zu verfassen. Nur für mich so aus der Seele heraus. In den Reha-Aufenthalten haben mich Mitpatienten oft gelobt und mich bestärkt weiter zu schreiben. Irgendwann wurden erste kleine Gedichte in Zeitungen und Magazinen gedruckt. Darüber war ich sehr froh, hätte ich mir nicht träumen lassen. Auch die Angstzeitschrift DAZ hat mehrmals meine Gedichte veröffentlicht. Als ich eine gewisse Anzahl an Gedichten hatte versuchte ich einen Verlag zu finden, der sie vielleicht druckt. Aber es gab fast nur Absagen oder Zusagen verbunden mit riesigen Druckkostenvorschüssen die ich nicht leisten konnte. Ich machte einfach weiter und es war mir eigentlich auch nicht so wichtig Geld damit zu verdienen sondern eigentlich war der Gedanke mehr Menschen damit erreichen zu können. Denn die positiven Rückmeldungen häuften sich und gaben mir immer wieder einen kleinen Anschub. Die körperlichen und seelischen Hochs und Tiefs gingen weiter – bis heute.

Meine Ehe scheiterte, eine Trennung folgte, Unterhalt, weitere finanzielle Einbußen und noch einige Freunde die sich abwandten. Aber ich hatte in der langen Zeit ein wenig gelernt wieder aufzustehen und ganz wichtig: mehr und mehr die Angst zu verlieren. Immer wieder spiegelte mir meine Seele die Zeit der Krankenhausaufenthalte und der Todesängste, der Panik, der Erschöpfung, der Verwirrung. Ich hatte die Hölle durchlebt immer und immer wieder – was sollte mir also noch passieren? Absagen bei Vorhaben, Anfeindungen, unangebrachte Kritik, Tratsch und Klatsch das kann mir heute nichts mehr anhaben. Alles was scheitert war den Versuch wert und dann heißt es neu ausrichten. So sind bis heute meine zwei kleinen Lyrik-Babys geboren Seelenkleiderund „Gedankenfische“ und es gibt noch weitere Ideen. Mein Rat an jeden Betroffenen, wenn ich überhaupt einen geben darf: jeder winzige Erfolg zählt, jede noch so kleine Veränderung ist ein Erfolg daher habt den Mut neue Wege zu gehen, die alten sind oft nicht mehr begehbar.

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