Im Schatten meiner Seele – ein Erfahrungsbericht

Im Schatten meiner Seele – ein Erfahrungsbericht

Mein Name ist Freddie H. und ich bin mittlerweile 62 Jahre alt. Ich bin in Dortmund aufgewachsen und im Jahre 1970 mit meinen Eltern nach Düsseldorf gezogen. Meine Kindheit war, wie so viele in dieser Zeit, nicht einfach. Die Eltern vom Krieg geprägt waren oft schnell aus der Fassung zu bringen und Bestrafungen von verbalen Beschimpfungen bis hin zu körperlichen Züchtigungen waren fast an der Tagesordnung. So war mein eigentliches zu Hause draußen auf der Straße beim Spielen mit meinen Freunden.

Diese Welt zerbrach als ich 16 Jahre alt war und wir nach Düsseldorf zogen. Meine Freundeskreis löste sich auf. Ich machte eine kaufmännische Lehre, die ich erfolgreich abschloss und fort an als Industriekaufmann in einem großen Elektrokonzern arbeitete. Ich machte meinen Führerschein, konnte mir kleine Urlaube leisten und mein erstes gebrauchtes Auto kaufen. Mit 24 Jahren heiratete ich meine damalige Freundin und die Welt schien so weit in Ordnung zu sein. Mein Gehalt verbesserte sich von Jahr zu Jahr und nach einem erfolgreichen Auslandseinsatz für die Firma kam das erste Kind. Wir zogen in eine größere Wohnung und im Jahr darauf wurde der zweite Sohn geboren. Es folgte Kind Nummer drei und die Wohnung wurde etwas enger. Mein Firmenkonzern begann sich Anfang der 90er Jahre zu verändern. Mein Arbeitsplatz wurde erweitert und einige Jahre später wurden Standorte geschlossen und ich hatte jetzt das Arbeitspensum von vorher drei Mitarbeitern allein zu tragen. Mein vierter Sohn wurde geboren. Eine neue Wohnung war noch nicht in Sicht, trotz intensiver Suche. Irgendwie schaffe ich das, waren meine täglichen Gedanken. Meine Freiräume waren verschwindend klein geworden und nach 10 Stunden am Schreibtisch kamen noch Einkäufe und Kinderbetreuung dazu, so dass es oft bis spät in die Nacht kein Atemholen mehr gab.

Als 1995 mein Vater als zweites Elternteil starb, fing ich oft an zu zittern. Meine Gedanken im Kopf kreisten in rasender Geschwindigkeit und bei den hoch komplizierten kaufmännischen Planungen unterliefen mir immer mehr Fehler. Das durfte natürlich nicht sein. Ich kompensierte das, in dem ich immer länger im Büro saß um alles wieder zum perfekten Ablauf zu bringen. Aber es gelang mir immer weniger, der Körper streikte, immer mehr rebellierte der Magen, plagten mich Kreislaufprobleme und starke Rückenschmerzen. Was war nur los mit mir? Ich lief von einer Praxis zur anderen und die Liste der Fachärzte die ich aufsuchte wurde immer länger. Weder erhielt ich Diagnosen, die mein Leiden erklären konnten noch war irgend eine medikamentöse oder therapeutische Maßnahme hilfreich. In einer Phase der Ruhe, ich hatte ein paar Tage Urlaub wurde es immer schlimmer. Ich konnte meinen Zustand nicht erklären, nicht einmal wirklich beschreiben. Todesangst quälte mich. Schweiß bedeckte meine Stirn. Das Herz raste. Der Notarzt kam. Mit einem Ruhepuls von 150 und einem Blutdruck von 260 zu 130 kam ich in die Klinik.

Ich wurde auf den Kopf gestellt und eine Untersuchung reihte sich an die andere. Keine Diagnose. Beruhigungsmittel und Unmengen von Blutdrucksenkern, die eigenartiger Weise kaum Wirkung zeigten. Nach drei Wochen wurde ich entlassen um nach einem Rückfall zwei Tage später wieder in der Klinik zu sein. Jetzt zog man einen Psychiater hinzu und es wurde von Angstschüben, Panik und Depression gesprochen. Für mich alles fremd. Nach einer weiteren Woche wurde ich erneut entlassen und in ambulante Behandlung gegeben. Meine erste Frage war: „Wann bin ich wieder der Alte? Wann kann ich wieder Arbeiten?“ Die Antwort des Psychiaters war ernüchternd: „Sie werden nicht mehr der Alte. Sie werden ein Anderer und wann sie wieder arbeitsfähig sind steht in den Sternen.“ Ich erhielt wöchentlich Spritzen (Imap) und nahm mehrere Antidepressiva ein. Besserung empfand ich nicht, eher Verschlechterung. Die Medikamente wurden daher noch oft gewechselt und die Dosierungen verändert. Schlafen konnte ich fast gar nicht mehr. Also gab es irgendwann Nitrazepam als Schlafmittel dazu. Mein Körper rebellierte immer wieder und Phasen von absoluter Niedergeschlagenheit wechselten mit Phasen an denen ich dachte heute reiße ich die Welt ein. Ich begann meine erste ambulante Therapie. Es folgte eine erste Reha Maßnahme in einer psychosomatisch/psychotherapeutischen Klinik.

Acht Wochen lernte ich dort viele neue Dinge kennen. Zum ersten Mal erfuhr ich Dinge über mich selbst, denn um mich hatte ich mich eigentlich nie wirklich intensiv gekümmert. Wichtig waren immer nur andere Menschen für mich und davon gab es genug in meiner Nähe. Ich wurde entlassen und begann eine stufenweise Wiedereingliederung in der Firma. Mittlerweile war ich 13 Monate arbeitsunfähig, eine unvorstellbar lange Zeit für mich und das ganze Arbeitsleben war für mich fremd geworden. Mein Arbeitsplatz war neu besetzt, ich wurde von Abteilung zu Abteilung geschoben und musste wieder beginnen zu kämpfen wollte ich wieder Teil des Ganzen werden. Unterstützung hatte ich in dieser Zeit außer der therapeutischen Begleitung kaum. Zu Hause warteten vier kleine Kinder und ein fünftes war unterwegs. Nach dem endlich eine größere Wohnung in Sicht war schaffte ich den Spagat zwischen Wiedereingliederung, Wohnungsrenovierung, Umzug und Kinderbetreuung nicht mehr und fiel erneut aus.

Als ich wieder in der Firma war begann ein subtiles Mobbing und acht Monate später war es vorbei. Ich wurde gekündigt. Verständnis im privaten Umfeld? Eher wenig. Aber viele Stimmen um mich herum flüsterten folgendes: „Wie kann man nur mit fünf Kindern seinen Arbeitsplatz auf´s Spiel setzen? Du hast die Verantwortung für die Familie, hättest du nicht durchhalten können? Du bist doch der Ernährer, wie soll es denn jetzt weiter gehen?“ Ja, das hätte ich auch gern gewusst. Mein Weg führte mich das erste Mal in meinem Leben zum Arbeitsamt. Eine beschämende Situation. Es gab Arbeitslosengeld, dann Arbeitslosenhilfe. In der nächsten Zeit führte ich weitere ambulante Therapien durch, hatte eine zweite Reha und schrieb unendlich viel Bewerbungen. In den nächsten drei Jahren brachte ich es auf 800 Bewerbungen! In jedem Bewerbungsgespräch, wo meine Erkrankung zum Thema wurde wusste ich die Chance ist vertan und so war es auch. Ich durfte die Einführung von Hartz IV miterleben, der Gürtel musste noch enger geschnallt werden. Meine Frau nahm kleine Stellen an und ich verlagerte meine wenige Energie, die mir noch verblieben war auf die Betreuung von Haushalt und Kindern. Ich merkte jetzt immer mehr die sozialen Folgen der Krankheit, nicht nur alle finanziellen Reserven waren aufgebraucht, die alten Kolleginnen und Kollegen kannten mich nicht mehr auch so einige Freunde wandten sich ab. Mit einem „Psycho“ wollte man nicht unbedingt weiter in Erscheinung treten.

Weitere Therapien, eine dritte Reha. Das Arbeitsamt setzte mich in teilweise völlig unsinnige Maßnahmen ein. Ich erhielt Bewerbertraining, nachdem ich schon über 500 Bewerbungen verschickt hatte. Der Rückzug in die Isolation und die ständigen heftigen Stimmungsschwankungen verbunden mit den vielen körperlichen Symptomen plagten mich weiter Tag und Nacht. Auf Anraten meiner Ärzte und Therapeuten dann stellte ich nach 7 Jahren Kampf einen Antrag auf Berentung. Da war der Rentenversicherungsträger aber ganz anderer Meinung. Eine weitere Reha folgte, die nicht so ganz sauber verlief und wo so einige Sachen im Entlassungsbericht manipuliert und geschönt wurden. Natürlich wurde sowohl der Rentenantrag als auch der Widerspruch abgelehnt. Mit Hilfe des Sozialverbandes Deutschland, in den ich zwischenzeitlich eingetreten war, führte ich den Kampf weiter. Es vergingen noch drei harte Jahre und vier weitere Gutachten wurden in Auftrag gegeben, bis nach einem letzten Gegengutachten die Rente bewilligt wurde. Es war das Jahr 2004.

Mit Anfang 50 in Rente ein Gedanke der mir immer noch völlig fremd war und mit dem ich große Probleme hatte. Ich hatte in guten Phasen einen Fernkurs im Schreiben belegen können und zwischenzeitlich begonnen kleine Gedichte zu verfassen. Nur für mich so aus der Seele heraus. In den Reha-Aufenthalten haben mich Mitpatienten oft gelobt und mich bestärkt weiter zu schreiben. Irgendwann wurden erste kleine Gedichte in Zeitungen und Magazinen gedruckt. Darüber war ich sehr froh, hätte ich mir nicht träumen lassen. Auch die Angstzeitschrift DAZ hat mehrmals meine Gedichte veröffentlicht. Als ich eine gewisse Anzahl an Gedichten hatte versuchte ich einen Verlag zu finden, der sie vielleicht druckt. Aber es gab fast nur Absagen oder Zusagen verbunden mit riesigen Druckkostenvorschüssen die ich nicht leisten konnte. Ich machte einfach weiter und es war mir eigentlich auch nicht so wichtig Geld damit zu verdienen sondern eigentlich war der Gedanke mehr Menschen damit erreichen zu können. Denn die positiven Rückmeldungen häuften sich und gaben mir immer wieder einen kleinen Anschub. Die körperlichen und seelischen Hochs und Tiefs gingen weiter – bis heute.

Meine Ehe scheiterte, eine Trennung folgte, Unterhalt, weitere finanzielle Einbußen und noch einige Freunde die sich abwandten. Aber ich hatte in der langen Zeit ein wenig gelernt wieder aufzustehen und ganz wichtig: mehr und mehr die Angst zu verlieren. Immer wieder spiegelte mir meine Seele die Zeit der Krankenhausaufenthalte und der Todesängste, der Panik, der Erschöpfung, der Verwirrung. Ich hatte die Hölle durchlebt immer und immer wieder – was sollte mir also noch passieren? Absagen bei Vorhaben, Anfeindungen, unangebrachte Kritik, Tratsch und Klatsch das kann mir heute nichts mehr anhaben. Alles was scheitert war den Versuch wert und dann heißt es neu ausrichten. So sind bis heute meine zwei kleinen Lyrik-Babys geboren Seelenkleiderund „Gedankenfische“ und es gibt noch weitere Ideen. Mein Rat an jeden Betroffenen, wenn ich überhaupt einen geben darf: jeder winzige Erfolg zählt, jede noch so kleine Veränderung ist ein Erfolg daher habt den Mut neue Wege zu gehen, die alten sind oft nicht mehr begehbar.

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Suizid - Ein Thema, über das gesprochen werden muss

Suizid - Ein Thema, über das gesprochen werden muss

Offiziellen Statistiken zufolge nehmen sich jährlich etwa 12.000 bis 15.000 Menschen das Leben. Eine erschreckende Zahl – schockierender ist jedoch die Tatsache, dass ca. 3/4 der Suizidhandlungen, also Selbstmordversuche inbegriffen, vorher angekündigt werden. Ein nicht unbeachtlicher Teil war vorher Behandlung. In der Psychiatrie ist Suizid die häufigste Todesursache.

Es ist ein sensibles Thema. Nicht nur in der Psychotherapie. In Anbetracht der Zahlen wird nahezu jeder Mensch im Leben mit dem Thema Suizid konfrontiert. In der Familie, im Freundeskreis, im beruflichen Umfeld. Und am Ende steht allzu oft die Frage „Hätte man es denn nicht kommen sehen müssen?“.

Suizid kann zum einen eine Affekthandlung sein. Gerade junge Menschen begehen Suizid aus einer instabilen emotionalen Verfassung heraus. Im jungen Alter wird man mit vielen einschneidenden Erlebnissen zum ersten Mal konfrontiert – die erste Trennung, der erste Todesfall, Ablehnung durch andere. Jeder geht anders mit solchen Erfahrungen um. Wenn es an dieser Stelle aber an Strategien mangelt und der soziale Kontakt fehlt bzw. wichtige Bezugspersonen nicht vorhanden oder erreichbar sind, kann das zu einer „Kurzschlussreaktion“ führen, die oft nicht als das erkannt wird, was sie am Ende ist: eine endgültige „Lösung“.

An anderer Stelle hat Suizid eine Appellfunktion. Er soll andere Menschen aufmerksam machen: „Seht, wie schlecht es mir geht, seht wozu ihr mich getrieben habt,… Das habt ihr nun davon, ihr seid schuld an meinem Tod…“ Der Betroffene kann seinen Bedürfnissen und Wünschen anderen Menschen (und sich selbst gegenüber) keinen anderen Ausdruck mehr verleihen, als durch den Suizid(versuch).

Dann gibt es noch den wirklichen Todeswunsch. Die Betroffenen leiden oft unter unheilbaren Krankheiten, schweren psychischen Belastungen oder sehen sich aus anderen Gründen nicht in der Lage, weiterzuleben. Der Tod scheint die einzige Möglichkeit, dem eigenen Leiden ein Ende zu setzen. Die Probleme scheinen nur durch den eigenen Tod zu enden. Diese Suizidversuche sind of gut durchdacht und länger geplant. Und sie sind oft „erfolgreich“.

Auf welche allgemeinen Anzeichen können Sie achten und wie sollten Sie dann reagieren?

Folgende Punkte können ein Hinweis darauf sein, dass sich jemand bereits gedanklich mit der „Lösung“ Suizid beschäftigt. Der Betroffene

  • zieht sich immer mehr aus seinem sozialen Umfeld zurück;
  • äußert Gedanken der Ausweglosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Mutlosigkeit;
  • trifft „letzte Vorbereitungen“: Alle offenen Rechnungen werden bezahlt, Verträge gekündigt, Dinge verschenkt, ggf. Abschiedsbriefe geschrieben;
  • wirkt nach einer Phase ausgeprägter negativer Gedanken und Emotionen sowie schwerer Verzweiflung „auf einmal“ ruhig und klar (Achtung: hier könnte die „finale Entscheidung“ bereits gefallen sein).
  • spricht offen darüber, dass das Leben keinen Sinn mehr macht oder dass es besser wäre, nicht mehr da zu sein.

Fakt ist, Suizidankündigungen sollten immer ernst genommen werden.

  • Empfehlen Sie den Betroffenen unbedingt an einen Psychotherapeuten oder an eine Klinik und stellen Sie sicher, dass er dieser nachgeht. Begleiten Sie ihn, wenn Ihre Möglichkeiten das zulassen oder organisieren Sie eine entsprechende Begleitung.
  • Sie müssen nicht gleich den Rettungswagen alarmieren. Vergewissern Sie sich, dass der Betroffene nicht alleine bleibt sondern bei Familienangehörigen oder Freunden unterkommen kann. Bei akuter Gefährdung muss jedoch der Notarzt oder die Polizei verständigt werden.
  • Sprechen Sie den Betroffenen ganz offen auf Ihre Sorgen oder Befürchtungen an. Hören Sie zu, seien Sie einfühlsam und bagatellisieren Sie die Probleme nicht. Oft sind Betroffene sehr dankbar, darüber sprechen zu können.

Weitere Hinweise und umfangreiche Situationen finden Sie z.B. auf den Internetseiten der Länder und Städte. Viele Städte haben Programme der Suizidprävention ins Leben gerufen. Darüber hinaus beantwortet der regionale psychosoziale Krisendienst Fragen von Betroffenen und Angehörigen und bietet Unterstützung in akuten Krisen- und Notsituationen.

Es gibt immer eine andere Lösung. Manchmal ist das vielleicht sehr schwer zu glauben aber Suizid ist keine „Lösung“ – er bedeutet das Ende eines wertvollen Lebens, das, wie jedes, Höhen und eben auch Tiefen hat. Und für die Tiefen gibt es viele kompetente Therapeuten, Berater und Ärzte – Menschen, die als erste Ansprechpartner sinnvolle Alternativen bieten können.

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Let's talk about sex - oder lieber doch nicht?

Let's talk about sex - oder lieber doch nicht?

Tabuthema oder Medienkracher – „sex sells“ heißt es ja bekanntlich. Aber führen Werbeversprechen zu einem erfüllten Liebesleben? Und wenn „man über Sex nicht spricht“ – wie kann einem dann bei Problemen geholfen werden?

Sexualität ist heutzutage so öffentlich, wie man es sich nur vorstellen kann. Nachdem die „sexuelle Revolution“ in den 60ern mit eingestaubten Moralvorstellung aufräumte, die Antibabypille zunehmend verteilt wurde und man freie Liebe propagierte gibt es heute kaum mehr ein Medium, dass ohne Sex auskommt. Im Fernsehen, in der Zeitung, im Internet ohnehin – überall werden wir mit dem Thema Sexualität konfrontiert. Freiwillig oder eben unfreiwillig. Da dieses Thema nun schon in unserer Gesellschaft einen derart öffentlichen Einzug gehalten hat, sollte man meinen, dass darüber auch offen gesprochen wird, oder nicht? Fehlanzeige. Wir konsumieren gern, aber wenn es um unsere eigenen Belange geht, halten wir uns doch lieber bedeckt und bleiben ganz altmodisch bei dem Motto „Über Sex spricht man nicht“.

Je mehr das Thema Sexualität jedoch in der Öffentlichkeit auftauchte, tauchte es in den heimischen Schlafzimmern ab. Dass Sex heutzutage nicht mehr nur der Fortpflanzung sondern der „Selbstverwirklichung“ dient, stellt viele Menschen vor die herausfordernde Frage, was das eigentlich bedeutet. Freie Liebe, Experimentierfreudigkeit oder doch lieber Abstinenz…? Die Orientierung an öffentlichen Maßstäben, die allzu oft verzerrt und unvollständig dargeboten werden, setzt viele unter Druck, die eben Schwierigkeiten haben, sich mit den vollbusigen Pornostars oder sexuellen Hochleistungseskapaden zu identifizieren. Irgendwann macht man sich mehr Gedanken darüber, wie Sex laufen sollte, anstelle welchen zu haben. Zusätzlich zu dem nicht enden wollenden Informationseinstrom wird das dann einfach zu viel und am Ende – geht gar nichts mehr. Sexuelle Störungen (und ich spreche hier von Funktionsstörungen und nicht von sexuellen Ausrichtungen) bereiten den Betroffenen Sorgen und belasten schlussendlich auch die Beziehungen. Und schon haben wir uns auf dem Weg, allgemeinen Überzeugungen zu entsprechen, hoffnungslos verlaufen. Wir haben vergessen, dass Sexualität eigentlich Spaß macht. Dass es um den Austausch von Zärtlichkeit, Aufmerksamkeiten, Wertschätzung, Liebe geht (zumindest den meisten – aber ich gehe davon aus, das auf jeden Falle alle Spaß dabei haben wollen – ganz gleich in welcher Form).

Vielleicht ist es wichtig, sich wieder auf die eigenen Wertvorstellungen zurückzubesinnen, die wir mit Sexualität verbinden. Diese sind für jeden anders. Daher macht ein mediales Bild auch gar keinen Sinn. Eine erfolgreiche Therapie ermöglicht diesen Blick nach innen. Denn die Lösung liegt in jedem selbst.
Leider ist es vielen Betroffenen unangenehm, über ihre Herausforderungen zu sprechen. Viel zu verbreitet sind auch an dieser Stelle einschränkende Vorstellungen und Überzeugungen, die einem ersten Schritt in Richtung Lösung im Weg stehen. Dabei bietet eine Psychotherapie viele Möglichkeiten, den Ursachen (sofern nicht organischen Urspungs) auf den Grund zu gehen und wieder ein erfülltes Liebesleben zu ermöglichen.

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Somatoforme Störung - eine Metapher

Somatoforme Störung - eine Metapher

Vielleicht fühlt es sich an, wie ein Feuer das immer während vorhanden scheint, wo es doch ringsum nichts Brennbares zu geben scheint…

Wenn die letzten staubtrockenen Ästchen in der glühendheißen Wüste sich entzünden und lichterloh brennen, dann wäre es wohl für Rumpelstilzchen ein riesiges Glück, könnte er doch in dieser kargen Gegend die einzige und vielleicht auch letzte Möglichkeit eines Feuers ergreifen, an dem er doch noch zu seinem Freundtanz kommt.

Somatoforme Störungen fühlen sich ähnlich an, wenn ein Feuer immer während vorhanden scheint, wo es doch ringsum nichts Brennbares zu geben scheint. Unruhe macht sich breit. Nach einem Freudentanz ist mir nicht zumute, nur ein Stupser und ich könnte platzen. Ich möchte wahrlich kein Rumpelstilzchen sein, suche ich doch in langer Odyssee schon nach dem kühlenden Wasserstrahl, der als einzig wahre Lösung anmutet, das fortschreitende Knistern und Knacken endlich zu beenden.

In fortwährender Tortur von einer Untersuchung zur nächsten hinterlassen zahlreiche Behandlungen Therapien doch stets nur einen bitteren Nachgeschmack, denn die Frage bleibt: Wann kann ich endlich aus der stickigen Höhle heraustreten ins Licht der Sonne, bringt dieses doch womöglich das Strahlen der Heilung und Gesundheit in mein Leben?…

Was muss geschehen, um den innerlich aufgebauten Druck endlich los- und frei werden zu lassen? Den schwarzen Umhang der mich einhüllt wie ein dicker schwerer Regenmantel und jeglichen kühlen Tropfen von mir fernhält endlich abzuwerfen und hinauszutreten ins kühle Nass, auf das die Sonnenseite des Lebens folgt und einlädt, ein spritziges Getränk unter Palmen zu genießen.

Jegliches Zeichen zur Heilwirkung scheint sich zu verstecken wie eine scheue Schlange im Dickicht, die sich windet und schier ungreifbar verschwindet, sobald man sie auch nur erblickt.

Vielleicht kann ein Ausweg ein eher mystisch anmutender und völlig befremdlicher Weg sein, der zunächst leise und kaum zu erahnen dem Klang ruhiger Musik aus dem Inneren heraus folgt. Ein Wagnis. Doch was hält mich, im Dunkel versteckt unter schweren Mänteln der Sorge und Frustration? Wenn doch eine Belohnung auf der anderen Seite wartet – ein Meer rumänischer Lilien, die sich farbenfroh unter der Sonne unendlich weit zu ziehen scheinen – endlose Weite statt einnehmender Enge. Ein schönes Ziel.

Dieser Text mit Hilfe einer Betroffenen entstanden. Somatoforme Störungen sind sehr unterschiedlich und vielschichtig. Der Text soll hier „nur“ einen Eindruck vermitteln, wie ein Betroffener dieses Störungsbild wahrnimmt und erlebt.

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Sind psychische Störungen ein Problem unserer Wohlstandsgesellschaft?

Sind psychische Störungen ein Problem unserer Wohlstandsgesellschaft?

Diese Frage habe ich mir in letzter Zeit des Öfteren gestellt. Nicht nur gab es zum Beispiel zu Nachkriegszeiten weniger psychische Probleme wie etwa Depressionen. Auch Ängste hatten eine ganz andere Qualität. Die Menschen hatten zu dieser Zeit schlichtweg andere Sorgen, als sich über den Sinn des Lebens oder eigene Befindlichkeiten Gedanken zu machen. Es ging immerhin darum, einfach zu überleben. Sind die allgemeinen Grundbedürfnisse wie Nahrung und ein Dach überm Kopf erfüllt, scheinen die Menschen wieder mehr Zeit zu haben darüber nachzudenken, wie schlecht es ihnen geht, was fehlt, was nicht passt. Darüber hinaus sind zum Beispiel psychogene Kopfschmerzen oder auch Depressionen in anderen Kulturkreisen völlig unbekannt.

Meine Gedanken dazu sind folgende:
Zum Einen wird in unsrer „durchnormierten“ Gesellschaft Andersartigkeit schnell als unnormal, krankhaft oder verrückt abgestempelt. Wir halten es scheinbar für völlig überflüssig, uns auf die Wahrnehmungen und das Weltbild eines anderen einzulassen. Meiner Erfahrung nach kann man aber wirklich spannende Erkenntnisse und interessante Blickwinkel erfahren, wenn man sich auf die individuellen „Originalitäten“ anderer Menschen einlässt. Nicht selten lernt man sogar noch dazu. In anderen Kulturen werden „psychisch Kranke“ auf eine Art in die Gesellschaft integriert, die es ihnen ermöglicht, ein weitgehend „normales“ und zufriedenes Leben zu führen. Psychische Krankheiten sind keine Tabuthemen, sondern Individualitäten menschlichen Sein. Zum Anderen entstehen vor allem Ängste, Depressionen oder somatoforme Störungen mit großer Sicherheit auch als Folge unserer überzogenen Leistungsgesellschaft, die sich Werte wie Macht, Geld, Kontrolle und Erfolg zu eigen gemacht hat. Es zählt, was du erreichst, nicht, wer du bist. Wer da nicht mithalten kann, wird aussortiert.

Da wir aber nun von kindauf lernen, dass Glück, Zufriedenheit, Sicherheit, Anerkennung und Wertschätzung an externe Aspekte gekoppelt sind, bekommen wir es natürlich mit der Angst zu tun, wenn der Arbeitsplatz in Frage steht, man den Anforderungen anderer Menschen nicht (mehr) gerecht werden kann, der Lebensstandard zu sinken droht. Gleichzeit stellen sich in dem Moment viele die Frage nach dem Sinn, da das täglich Hamsterrad doch nicht der Lebensinhalt sein kann, suchen die Antwort auf diese Frage aber wiederum in einer materialistischen Welt, wo sie schlichtweg nicht zu finden ist. Dass man es irgendwann „mit der Psyche kriegt“, ist vielleicht keine zwangsläufige, aber eine logische Konsequenz. Die Seele leidet. Immer mehr Menschen sind auf der verzweifelten Suche nach einem einfachen zufriedenen Leben, nur der Weg dahin scheint zu kompliziert.

Ein Therapieansatz sollte in diesem Sinne nicht zum Ziel haben, endlich die Beschwerden loszuwerden, sondern die Antwort auf die Fragen in sich selbst zu finden. Häufig verschwinden dann die Symptome, die oftmals nur Ausdruck unbewusster Notlagen sind, ganz von allein.

Ich möchte die Beschwerden der Betroffenen an dieser Stelle keineswegs bagatellisieren. Ich möchte eine Perspektive eröffnen, die es möglich macht, nicht nur Ängste u.a. loszuwerden, sondern gleichzeitg wieder eigenverantwortlich das eigene Glück in die Hand zu nehmen und sich von Dingen und auch Situationen zu lösen, die man ohnehin nicht kontrollieren kann. Wer die Lösung in sich selber findet, findet auch den Mut und die Kraft, diese zu leben und eine ganz neue Lebensqualität zu erlangen.

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Ist ein angstfreies Leben wirklich erstrebenswert?

Ist ein angstfreies Leben wirklich erstrebenswert?

Ein nicht unbeachtlicher Prozentsatz der deutschen Bevölkerung leidet unter Angststörungen, Phobien, Panikattacken. Nicht umsonst gibt es zahlreiche Ratgeber, Seminare und Workshops, die Lösungen versprechen und ein „endlich angstfreies Leben“ propagieren.

Aber ist ein angstfreies Leben wirklich erstrebenswert?

Angst ist ein Gefühl, das sozusagen zur Grundausstattung eines jeden (gesunden) Menschen gehört. Nicht zuletzt verdanken wir es der Angst, dass wir überlebt haben. Hätten wir die Angst nicht, hätten wir seelenruhig dagestanden und weiterhin die hübsche Blumenwiese betrachtet, während der Säbelzahntiger brüllend auf uns zugerannt kam. Keine sonderlich sinnvolle Handlung in dem Moment. Die Angst hat damals unsere Kampf- oder eben Fluchtreaktion in Gang gesetzt. Sie hat uns geholfen, uns schnell in Sicherheit zu bringen. Damit wir weiterhin fleißig unsere Gene weitergeben konnten – bis heute. Nun haben wir heute kein Problem mehr mit wilden Tieren. Dennoch ist es recht spannend, das der Großteil der Menschen mit Phobien nach wie vor Angst vor Spinnen und Schlangen hat, wobei die größere Gefahr heutzutage, realistisch betrachtet, von Kraftfahrzeugen ausgeht. Aber das ist ein anderes Thema.

Fakt ist, dass die Angst uns seit jeher begleitet und uns dabei geholfen hat, uns weiterzuentwickeln. Wir wussten, wir könnten es mit dem Säbelzahntiger nicht aufnehmen, also haben wir Alternativen entwickelt, um uns zu schützen. Wir haben Behausungen gebaut und Strategien entwickelt, den Tiger in Schach zu halten. Ohne die Angst wäre diese Entwicklung kaum möglich gewesen. Die Angst ist also eine wichtige Triebfeder in der menschlichen Entwicklung. Und das ist sie heute noch. Unsere Angst zeigt uns, in welchen Bereichen wir dazulernen, über uns hinauswachsen können. Hier kommt es natürlich wie immer auf das Maß an. Ein bestimmtes Maß an Angst steigert unseren Fokus, schärft die Konzentration, hilft uns, Schwierigkeiten zu begegnen und Herausforderungen anzunehmen.

Bei einer Angststörung ist die Angst allerdings in einem Maß ausgeprägt das dazu führt, dass die Betroffenen wie gelähmt sind und keinen konstruktiven Gedanken mehr fassen können. Sie fallen in eine Spirale an einschränkenden Gedankenmustern und Glaubenssätzen welche sich mit den entsprechenden angstvollen Emotionen wechselseitig verstärken. Die Betroffenen wissen oft, dass ihre Ängste übertrieben sind, können aber in dem Moment nicht aus ihrer Haut.

Man sieht, die Angst ist gar nicht das Problem. Die Schwierigkeit liegt in unserer Bewertung und wie wir damit umgehen. Das Ziel sollte also nicht sein, ein angstfreies Leben zu führen. Es ginge darum, die Angst als Entwicklungshelfer anzuerkennen und wertzuschätzen. Wenn das gelingt, ist ein anderer Umgang mit ihr möglich. Einschränkende Glaubenssätze und Gedankenmuster – auch bezüglich der Angst – entwickeln und verstärken sich im Laufe unseres Lebens – aber sie sind nicht unumkehrbar.

Eine lösungsorientierte Psychotherapie kann helfen, Ängste in den Griff zu bekommen, indem sie dabei unterstützt, Ängste anzunehmen, ihren Wirkmechanismus zu verstehen sowie die eigenen Überzeugungen aufzudecken und gegebenenfalls umzuwandeln. Kein Mensch muss unter Ängsten leiden. Es gibt für jeden die richtige Lösung.

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Das Leben einer Depression - eine Metapher

Das Leben einer Depression - eine Metapher

Depressionen haben verschiedene Schweregrade, viele Bezeichnungen und noch mehr Gesichter. Jeder Mensch, der unter Depressionen leidet, nimmt sie anders wahr.

Der folgende Text ist mit Hilfe eines Betroffenen entstanden. Er vermittelt einen sehr guten Eindruck in die Wahrnehmung und Gefühlswelt derjenigen, die mit Depressionen leben.

Du stehst in einem dunklen Raum, es ist kalt, einsam und eng. Es fehlt an Platz zum Atmen und die Sehnsucht nach dem Meer wird groß, dessen unendliche Weite unerreichbar scheint. Atmen. Du hältst die Luft an. Der Druck wächst, die Enge will dich fast zum Platzen bringen, was dich umgibt wird unerträglich. Luft.

Du bist allein.

Nichts und niemand scheint dich hier raus zu holen. Gefangen in die selbst hängst du ausgeliefert den immer gleichen Gedanken nach. Drehst dich im Kreis. Kannst es nicht abschütteln. Ratlosigkeit. Gesicht zur Wand. Ein Raum ohne Türen hat keinen Notausgang. Rettungsschirm Ablenkung. Rausgehen, Weggehen. Spaß wird schwer. Ein Tropfen Alkohol oder ein Fass. Manchmal hilft es. Doch schnell verfliegt die trügerische Leichtigkeit des Hochprozentigen und weicht dem bitteren Geschmack der tristen Realität. Wie ein morscher Baum ragt dein Leben empor aus zugesponnenem Gebüsch. Einsamkeit. Leise spielt die schwere Musik eines endenden Dramas, doch das Gefühl bleibt. Leere – in einem Raum ohne Türen.

Endlosschleife. Ein übler Traum ist wahr geworden. Du wachst nicht auf. Kampf. Doch schnell weicht die Wut der Kraftlosigkeit, Lethargie macht sich breit, Mutlosigkeit zieht ein. Ausweglos. Kannst du dich erinnern? Wie es war? Vorher? Keine Erinnerung. Nur Fetzen, die in unerreichbarer Entfernung vorbeifliegen und verschwinden, als wären sie nicht dagewesen. Stille. Doch, es gibt sie, die Lösung. Und du findest sie. Immer wieder. Wie kann man sie festhalten?

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Die Störung als Freund und Helfer?

Die Störung als Freund und Helfer?

Kein Mensch würde sagen: „Oh, eine somatoforme Schmerzstörung – ja, das wollte ich schon immer mal haben!“ Niemand würde sich bewusst, bei klarem Verstand, freiwillig für eine Krankheit oder psychische Störung entscheiden. Da sind wir uns denke ich alle einig. Der bewusste Verstand beeinflusst allerdings nur zu etwa 5-10% unsere Entscheidungen. Der Rest geschieht – Sie ahnen es – unbewusst.

Das das Unterbewusstsein bei der Entstehung von Krankheiten und psychischen Störungen eine wichtige Rolle spielt ist nichts neues. Aber es hat auch einen entscheidenden Anteil an der Aufrechterhaltung. Das ist sehr vielen Betroffenen nicht bewusst – und den Angehörigen auch nicht, die dieses System manchmal sogar unterstützen.

Wie kann das sein?

In der Psychotherapie spricht man von dem sogenannten „Krankheitsgewinn“. Klingt zunächst komisch. Also ob eine Krankheit irgendetwas positives mit sich bringen würde?!

Tut sie. Denken Sie zum Beispiel an eine ausgeprägte Prüfungsangst. Am Tag vor einer wichtigen Prüfung bekommt der Betroffene Magen- und Kopfschmerzen, leidet unter Übelkeit und muss sich die halbe Nacht erbrechen. Ist die Angststörung nicht bekannt, kommt es zu einem positiven Effekt: Der Betroffene wird krankgeschrieben und „verpasst“ die Prüfung. Zumindest konnte die Situation also bis zum nächsten Mal verhindert bzw. vermieden werden. Auch wenn diese situationsabhängige Angst bekannt ist, dauert es häufig noch, bevor sich derjenige Hilfe sucht.

Es gibt auch Menschen mit somatoformen Schmerzstörungen. Sie leiden zum Beispiel unter starken Rückenschmerzen – scheinbar ohne Grund. Häufig tendieren die Angehörigen in solchen Fällen dazu, Arbeiten abzunehmen, den Betroffenen zu schonen, alle möglichen Schwierigkeiten von ihm fernzuhalten. Und schon, haben wir wieder einen Gewinn: Nämlich Ruhe und Entlastung.

Das Thema ist recht vorsichtig zu betrachten und man sollte nun natürlich nicht an jeder Stelle Simulation vermuten oder anderen unterstellen sie wollten sich nur vor Unannehmlichkeiten drücken. Man darf dem Betroffenen keine böse Absicht unterstellen, den häufig läuft dieser Mechanismus unbewusst ab.

Man muss sich das in etwa so vorstellen: Frau X wuchs als gut behütetes Kind auf, dem viel abgenommen wurde. Die Eltern bemühten sich sehr, Schwierigkeiten und Probleme von dem Kind fernzuhalten. Frau X lernte so aber kaum, sich Herausforderungen zu stellen und machte nicht die Erfahrung, daran zu wachsen. Als erwachsene Frau sieht Sie sich nun im Berufsalltag immer wieder mit Situationen konfrontiert, denen sie sich nicht gewachsen fühlt.

Aber anstelle dieses Muster zu erkennen und nach Lösungen zu suchen, entwickelt sie eine somatoforme Störungen. Sie leidet unter körperlichen Symptomen, für die es keine medizinische Ursache gibt. Jedes Mal, wenn eine „gefürchtete Situation“ naht, werden die Symptome so stark, dass sie entweder krank zu Hause bleiben muss, oder von Kollegen vertreten wird. Frau X leidet unter den Symptomen, sieht aber nicht, dass die Störung ihr sozusagen „hilft“ die unangenehmen Situationen weiterhin zu vermeiden. Das Verstehen eines Krankheitsgewinns kann oft der erste Schritt zur Lösung sein. Er bieten eine gute Grundlage, auf der eine erfolgreiche Therapie aufgebaut werden kann.

Ich sage gern „Hinter jedem Verhalten steckt eine positive Absicht“ – und so steckt auch hinter jedem „Krankheits-„Verhalten ein positiver Effekt für den Betroffenen. Diesen zu erkennen ist ein wichtiger Teil meiner Therapie. Dem Betroffenen wird so ermöglicht, sich nicht mehr als Opfer der Krankheit / Störung zu fühlen sondern zu erkennen, dass er selbst die Entscheidung trifft, wann er sich von ihr lösen will.

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Was ist denn nun "nicht mehr normal"?

Was ist denn nun "nicht mehr normal"?

Psychische Erkrankungen beeinträchtigen das Leben der Betroffenen, das ist jedem klar. Aber wann kann man denn überhaupt von einer psychischen Störung sprechen? Was muss wann behandelt werden?

Grundsätzlich gibt es ein paar Kriterien, nach denen, wissenschaftlich betrachtet, „normales“ von „krankhaftem“ Verhalten unterschieden werden kann:

Persönlicher Leidensdruck

Wenn man zum Beispiel aufgrund von Ängsten oder Zwängen das Haus nicht mehr verlassen kann, durch Grübeln im Rahmen einer Depression keine Entscheidungen mehr treffen kann oder seine alltäglichen Aufgaben aufgrund emotionaler Instabilität nicht mehr bewältigen kann, entsteht für den Betroffenen ein Leidensdruck. Oft kommt es auch für deren Angehörige zu einer Einschränkung der Lebensqualität.

Statistische Seltenheit

Die Wahrscheinlichkeit, im Leben an einer Schizophrenie zu erkranken liegt bei 1-2% (in diesem Fall in allen Teilen der Welt etwa gleich). Hiermit ist zum Beispiel das Kriterium der statistischen Seltenheit erfüllt. Es geht also um die Häufigkeit, bzw. Auftretenswahrscheinlichkeit einer psychischen Störung.

Verletzung sozialer Normen

Menschen mit einer dissozialen Persönlichkeitsstörung neigen zu aggressiven Verhalten, lernen nicht aus Bestrafungen und werden oft gewalttätig. Das entspricht zum Beispiel nicht den sozialen Normen, die im Grunde besagen, dass man Konflikte gewaltfrei klären sollte.

Unangemessenes Verhalten

Ein nicht einfach zu definierendes Kriterium, denn das Verhaltensrepertoire der Menschen ist oft umfangreich. Genie und Wahnsinn liegen ja bekanntlich nah beieinander. Wenn jemand aber grundlos Scheiben einschlägt, auf einer Beerdigung laut lacht oder sein Verhalten grundsätzlich unvorhersehbar, unberechenbar und unkontrolliert ist, trifft dieses Kriterium zu. Hier ist immer der kulturelle Kontext zu beachten. Was für uns angemessen erscheint, kann in Japan schon absolut inadäquat sein.

Irrationalität

Wir alle haben eine Vorstellung von Wirklichkeit, die sich im großen und ganzen gleicht. Irrationalität bedeutet, dass etwas unsinnig, unrealistisch oder total unverständlich erscheint. Wer auf der Straße mit Menschen spricht, die nicht da sind oder sein Haus aus Angst vor Bestrahlung mit Alufolie einkleidet wären hierfür zwei Beispiele.

Diese Kriterien entstammen der klinischen Psychologie. Fakt ist, das „normal“ ein sehr dehnbarer Begriff ist. Ich bin der Meinung, dass zum einen auschlaggebend ist, inwiefern der Betroffene selbst leidet. Zum anderen gibt es Betroffene, denen nicht bewusst ist, dass sie eine psychische Störung haben, dafür merkt es aber das Umfeld. Was ist schon normal?

Wer mit sich und seiner Welt zufrieden ist und gleichzeitig keinem anderen Schaden zufügt – was kann dann verkehrt sein? Muss so jemand therapiert werden, nur weil er aufgrund seines Wesens vielleicht nicht unbedingt in unsere gesellschaftlichen Normen passt? Ich denke nicht. Wer dagegen unter seinen Ängsten leidet, in tiefer Trauer versinkt oder die Existenz seiner Familie aufgrund von Alkoholismus gefährdet, sollte sich Hilfe suchen, denn es gibt viele Menschen die viele verschiedene Möglichkeiten bieten, solche Krisen zu bewältigen.

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Erklären Psychiater normale Menschen für psychisch krank? - Buchtipp

Erklären Psychiater normale Menschen für psychisch krank? - Buchtipp

„Für Psychiater scheint die Devise zu gelten: „Niemand ist normal, man ist höchstens schlecht durchuntersucht.“ Man wirft ihnen vor, dass sie nonkonformistisches Verhalten oder ungewöhnliche Lebensentwürfe leichtfertig zu einem psychopathologischen Phänomen erklären.

Aber ist nicht das sogenannte normale Verhalten total verrückt?

Wenn man im Fernsehen sieht, wie schrille Figuren in Nachmittagstalkshows ein Gebaren hinlegen, das hundert Punkte auf dem Bizarrometer verdient, um ein Millionenpublikum mittels „Fremdschämen“ zu unterhalten, ist das normal.

Wenn ein Fußballspieler mehr verdient als tausend Universitätsprofessoren, wird das als normgerecht angesehen.
Wenn die Klingeltongeneration jährlich ein Milliarde Euro für ein zweifelhaftes Vergnügen ausgibt, ist das nicht abnorm.
Wenn It-Girls zu Stilikonen gemacht werden, ist das nicht verrückt.
Wenn Frauen, bei denen alles, was schön ist, angeklebt oder aus Silikon geformt ist, allein deshalb berühmt werden, gehört das nicht in den Bereich des Wahnsinns.
Wenn die Massen Politikern wie Hitler zujubeln, die sie ins Verderben stürzen, ist das (erst einmal) normal. Zur Norm rechnen sich auch Religionsgemeinschaften, die glauben, dass nur sie in den Himmel kommen und alle anderen nicht.

Wie gesund ist eigentlich normal?

Sollten die Psychiater nicht einmal versuchen, dieses Normverhalten zu behandeln? „Normal ist leichter Schwachsinn“, formulierte einst der Psychiater Karl Wilmanns (1873-1945) in Hinblick auf die Intelligenz. Wir müssen uns davon lösen, Menschen in psychisch Kranke und Normale einzuteilen.

Wenn jemand eine schwere Herzerkrankung hat, gilt er dennoch als normal. Nicht normal ist es dagegen, ein seelisches Leiden zu haben. Wir müssen uns von der Meinung trennen, dass eine psychiatrische Krankheit etwas Anstößiges oder Peinliches ist und dass sie in den meisten Fällen auch noch selbstverschuldet ist.

Das kann man am besten dadurch erreichen, indem man offen über psychische Krankheiten spricht. In den USA gibt es Prominente, die sich in Werbekampagnen von Selbsthilfegruppen als psychisch Kranke offenbaren und somit zur Entstigmatisierung dieser Erkrnakungen beitragen.

Bei uns dagegen wird sogar dann, wenn ein Prominenter offensichtlich psychisch krank ist, versucht, sein Verhalten als eine weite Auslegung von normal zu interpretieren, anstatt ehrlich zu sagen, dass er ein seelisches Problem hat. Unsere Helden dürfen nicht an Depressionen, Sucht oder Borderline-Störungen leiden.“

Diesen Text habe ich aus dem Buch „Wenn die Seele leidet – Handbuch der psychischen Erkrankungen“ von Prof. Dr. med. Dipl.-Psych. Borwin Bandelow entnommen. Er gewährt mit seinem Buch einen interessanten Einblick in die bekanntesten psychischen Erkrankungen, zeigt diverse Therapieansätze auf und setzt nicht mit alternativen Behandlungsmethoden auseinander.

Er macht deutlich, dass psychische Erkrankungen jeden im Laufe des Lebens treffen können – und dass es viele Möglichkeiten gibt, damit umzugehen. Ein sehr lesenswertes Buch – nicht nur für Fachleute sondern für alle Menschen, die sich näher mit dem Thema auseinandersetzen möchten.

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